Ich sitze schon lange an diesem Text. Immer wieder frage ich mich ‚Was will ich hier eigentlich schreiben, welchen Standpunkt vertreten?‘. ‚Was ist mein Ziel damit?‘, nur um dann mein IPad erneut überfordert zur Seite zu legen. Propaganda in China, ein großes Thema. Ich war einen Monat dort und will jetzt über meine Gespräche mit den Menschen dort schreiben. Gespräche über Politik, die ich mit einer Handvoll Personen geführt habe und die nicht repräsentativ für das Land stehen können, das die zweitgrößte Bevölkerung der Welt hat.
Ich liege frustriert auf meinem Bett im Hotelzimmer, als ich irgendwann realisiere, dass mein Text nicht mehr sein muss als ein Herantasten ans Thema. Denn die Gespräche, die ich in China geführt habe, brachten mich zum Nachdenken und Recherchieren. Nachdenken darüber, welche Erfahrungen und Beobachtungen ich gemacht habe; wieso manche Menschen so denken wie sie denken und so reden wie sie reden. Recherchieren darüber, wie Propaganda in China funktioniert und wie dieser Apparat durchgehend optimiert wird.
Das ist es also, was mein Text will. Mich selbst und im besten Fall andere zum Nachdenken anregen – in dem kleinen Rahmen, den ich hier habe.
Rein ins Land China
Wir sitzen zu dritt gequetscht auf der Rückbank unseres DiDi-Taxis auf dem Weg zurück zum Hostel. „Weißt du, in China sagen wir gerne, dass Trump interessant ist“, erzählt mir meine Freundin mit ihrem gewohnten breiten Grinsen. Wir unterhalten uns über Unterschiede zwischen Deutschland und China. „In Deutschland sagen wir gerne, dass Trump komplett bescheuert ist“, antworte ich darauf – und schon sind wir beim ersten Unterschied. Es ist einer, der mir immer wieder in Gesprächen auffällt. Die Diskussionskultur. In Deutschland sagen Leute ohne zu zögern, was sie von Politikern oder Regierung halten. Das Gespräch ist nur eines von vielen, bei dem ich spüre, wie verschieden die beiden Kulturen sind.
Eine Aussage, die immer wieder fällt: Das ist ein schwieriges Thema. Xinjiang, Tibet, Taiwan… Wo sind Chinas Beziehungen eigentlich kein schwieriges Thema?

Immer wieder merke ich in diesen Gesprächen, wie verhalten die Menschen mir gegenüber werden. Sie antworten mir – aber bleiben dabei vage.
Xinjiang
Einmal werde ich von einer Bekanntin auf einem Ausflug gefragt, welche Orte ich in China gerne noch bereisen möchte. „Xinjiang“ antworte ich. Das sei eine schwierige Lage dort, wird mir gesagt – aber nicht mehr.
Die Provinz ist Heimat der muslimischen Minderheit der Uiguren, die in China verfolgt und in Internierungslager- und Umerziehungslager eingewiesen werden. Die Lager seien Orte der Gehirnwäsche, Folter und Bestrafung. Die Regierung in Peking sieht die Minderheit in Xinjiang als separatistisch und rückständig an. Gründe für eine Inhaftierung können beispielsweise religiöse Ansichten sein oder Unkenntnis der Nationalhymne. Trotz Zeugenaussagen und Beweise, bestreitet die chinesische Regierung die Existenz der Lager (1).

Tibet
Bei einem gemeinsamen Abendessen mit Freunden – ich weiß nicht mehr, wie wir auf das Thema gekommen sind – erwähne ich den Unabhängigkeitswunsch Tibets gegenüber den anderen. Aber das bestreiten sie ab.
Offiziell existiert Tibet heute als autonome Region in China. Von 1912 bis 1951 war Tibet unabhängig. Danach unterzeichnete der damalige Dalai Lama ein Abkommen mit China, dass seiner Aussage nach unter Androhung von Waffengewalt stattfand. Daraufhin wurde die Religionsausübung eingeschränkt, das Land enteignet und die Bevölkerung zu Zwangsarbeit verpflichtet. Bei einem tibetischen Aufstand 1959 tötete die Volksbefreiungsarmee 87.000 Tibeter:innen. Seit 1964 gilt die Region offiziell als „Autonomes Gebiet Tibet“ – in der Realität kann die Bevölkerung ihre Rechte gegenüber der chinesischen Regierung kaum geltend machen (2).

Taiwan
„In China glauben die Menschen, dass Taiwan kein souveräner Staat ist“, erzählt mir eine Freundin in China. Einige Tage später erwähne ich in einem anderen Gespräch, dass ich viele freundliche Taiwanesen kennengelernt habe. „Taiwanesen sind Chinesen“ ist die Reaktion darauf.
Zwar stammen Taiwanesen zum Teil von der ethnischen Gruppe der chinesischen Han ab – Taiwan hat aber auch 16 indigene Völker. Das Land hat eine eigene (demokratische) Regierung und eigene Währung. Und vor allem: Taiwan gehörte nie zur Volksrepublik China. Die Menschen in Taiwan verstehen sich als taiwanesisch, nicht als chinesisch. Und dennoch besteht der Glaube, Taiwan sei China. Viele der Menschen in China sind sich sicher: Irgendwann wird China Taiwan übernehmen.

Eine andere Kultur?
„Es ist in China nicht so normal wie in anderen Ländern, über Politik zu sprechen“, höre ich von mehreren jungen Menschen, deren Eltern vor Jahren China verlassen haben und in die USA oder nach Singapur zogen.
Ich frage mich: Woher kommen diese Gesprächskultur und politische Meinungen? Welche Rolle spielen Regierung und Propaganda ?
Die kommunistische Partei Chinas baute seit ihrer Gründung 1921 den Propagandaapparat aus. Dadurch sollte das kommunistische Bewusstsein der Bevölkerung gestärkt werden. Insbesondere nach der Kulturrevolution von 1966 nahm dies totalitäre Züge an. Die Partei spricht von Propaganda offen als legitimes Mittel der Parteiarbeit. Präsident Xi Jinping sagt beispielsweise öffentlich über den Führungsanspruch: „Partei, Regierung, Militär, Gesellschaft, Wissenschaft – Norden, Süden, Osten, Westen und Zentrum: die Partei führt alles“. Das bedeutet nicht nur die Lenkung von Medien und Presse oder die Kontrolle von Bildung und Forschung, sondern auch die Einflussnahme auf Film, Literatur, Kunst, Kultur und Sport (3). Darüber hinaus befürchten Regierungskritiker der chinesischen Regierung, verfolgt oder willkürlich verhaftet zu werden (4).
Um bei der Bevölkerung das innenpolitische Bild Chinas zu stärken, wendet sich chinesische Propaganda unter anderem gegen westliche Demokratien. Diese werden als schwach, chaotisch und illegitim dargestellt. China nutzt das Internet und soziale Medien heute als wichtiges Mittel, um Propaganda-Interessen im In- und Ausland zu verbreiten. Die „Great Firewall“ – also die Zensur von westlichen Medien wie beispielsweise YouTube, Instagram, Google oder Facebook verhindert währenddessen, dass die Bevölkerung Zugang zu westliche Nachrichten oder Meinungen hat (5).
Zudem nutzt die chinesische Regierung Influencer, die aus oder über China berichten, um ein bestimmtes Bild zu formen oder von Politik abzulenken. Dazu werden auch ausländische Influencer genutzt (6).
„Während China also diverse Kommunikationsmittel nutzt, um sein weltweites Image positiv zu beeinflussen, wird es für ausländische Medien immer schwieriger, sich selbst ein Bild von der Lage im Land zu machen, weil die Regierung unabhängige Berichterstattung aus China massiv erschwert.“ (7)
Ein paar Gedanken
Vielleicht ist es also lediglich eine andere Gesprächs- und Diskussionskultur in China, die mich von einem tieferen Austausch abhält. Vielleicht wollten sich die Leute mit mir einfach lieber über andere Themen als Politik und die chinesische Regierung unterhalten.
Wenn man nun aber in einem Land lebt, wo Informationsbeschaffung vor allem über das Internet laufen, ausländische Medien aber zensiert werden, wo der politischen Diskurs so gelenkt wird, dass konsequent die westliche Welt als schlecht und China als gut dargestellt wird (nicht so, als wenn in der westlichen Welt alles gut läuft, offensichtlich); wenn Kritik oder Zweifel an der Regierung potenziell bestraft werden, dann gelten zwar nicht alle politischen Einstellungen oder Schweigen als entschuldigt. Und sicherlich ist der Propagandaapparat in China auch nicht perfekt ausgebaut. Es heißt jedoch, dass auch der Kontext zählt.
Ich sehe mich hier schon weiter ins Thema eintauchen. Inwiefern ist es nachvollziehbar und verständlich, dass (jegliche) Menschen aufgrund von Propaganda, Zensur oder aus Angst vor Gewalt nicht handeln. Wo und wann fängt die Pflicht zum Widerstand an; wenn schon nicht für einen selbst, dann für nachkommende Generationen? Aber das ist ein Rabbit Hole für ein anderes Mal.
Ich möchte gerne noch kurz den Bogen zum globalen Norden zurückspannen. Wie oft fallen wir auf Fake News oder KI-generierten social media content rein? Wie viele von uns oder unserer Freunde oder Familie haben schon an Verschwörungstheorien, urban legends oder an Lügen von Politikern geglaubt? Falschinformationen werden auch bei uns ein immer größer werdendes Problem. Propaganda gibt es auch hier (siehe nur Beispiele USA oder AfD). Aber immerhin können wir das nicht mit der Zensur von Medien entschuldigen.
Quellen
(1) https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/333504/vor-70-jahren-17-punkte-abkommen-zwischen-china-und-tibet/
(2) (https://www.amnesty.ch/de/ueber-amnesty/publikationen/magazin-amnesty/2019-3/china-uiguren-xinjiang-lager
(3) https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/propaganda-und-desinformation-2025/570926/propaganda-der-kommunistischen-partei-chinas/
(4) https://www.amnesty.ch/de/laender/asien-pazifik/china/dok/2025/justizsystem-wird-zur-unterdrueckung-von-menschenrechtsverteidiger-innen-missbraucht
(5) https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/propaganda-und-desinformation-2025/570926/propaganda-der-kommunistischen-partei-chinas/
(6) https://www.deutschlandfunk.de/desinformation-aus-china-peking-investiert-in-propaganda-100.html
(7) ebd.
Ja,das können die Chinesen wie kein zweites Land…. Meinungen beeinflussen/unterdrücken.Und trotzdem wird weiter gelächelt.Manch Westliche Regierung rückt auch immer mehr in diese Richtung.Und es gab’s früher auch,nur das wir’s nicht oder erst später erfahren haben.Super geschrieben und eine feine Wortwahl.Daher von mir….10 Punkte 🙂