—— Mein gutes altes Telefon hat mich im Januar nach neun Jahren verlassen. Auf WhatsApp, Telegram und Instagram habe ich keinen Zugriff mehr; falls ich also auf Nachrichten nicht mehr geantwortet habe, daran liegt es:)
In keinem Land habe ich mich so familiär aufgehoben gefühlt wie in China
Liebe Menschen treffe ich überall, aber China fühlte sich besonders an.
Einmal stand ich ratlos an einer Bushaltestelle in Lijiang und habe daraufhin ein junges Paar gefragt, wie ich zurück in die Stadt komme. Kurz darauf saß ich in ihrem Auto auf dem Weg zum Hotpot-Restaurant. Wir verabredeten uns auch für den nächsten Tag, um den Sonnenaufgang im Nationalpark zu sehen. Früh morgens holten sie mich mit ihrem Auto ab und begrüßten mich mit einem heißen Becher süßer Sojamilch und frischen Dumplings.
In Shangri-La wusste ich wieder nicht weiter und habe ich eine chinesische Touristin in meinem Hostel gefragt, wie ich zu einer bestimmten Wanderung kommen kann. Mehrere Leute begannen plötzlich gleichzeitig, mir zu erklären, was der beste Weg sei und halfen beim Buchen des Transports und meiner Unterkunft. Mit diesen Leuten habe ich die nächsten zwei Tage in Shangri-La verbracht. Wir kochten gemeinsam Hotpot, aßen gebackene Bananen (und Orangen. Crazy, I know), tranken chinesischen Glühwein und fuhren mit dem E-Roller um den See.
Es klingt vielleicht nicht so besonders – aber es hat sich wie Zuhause angefühlt und das war das Besondere daran. Es war, als wäre ich zuhause bei meiner Familie oder bei meinen Mitbewohner:innen. Wahrscheinlich habe ich mich auch so wie Daheim gefühlt, weil sich die Menschen so lieb um mich gekümmert, mich gefüttert und auf Ausflüge mitgenommen haben. Einfach mal nichts organisieren oder planen und an nichts denken müssen, war ein Level an Komfort, den ich seit fast einem Jahr nicht mehr hatte.
Ich habe Menschen mit spannenden Geschichten kennengelernt. Ich traf feministische Frauen, die gerne reisen, die ein Gap Year in ihrem Heimatland machen oder die wandern gehen. Ich habe von einem Freund gelernt, wie oft sich 30-Jährige gegenüber ihrer Familie immer wieder bezüglich ihres Single-Daseins erklären müssen. Wie schwierig es für Chines:innen ist, ein Visum für westliche Länder zu erhalten oder dass es Viele nervt, wie groß die Bevölkerung in China ist.
Dass ich mich in China so heimisch fühlen würde, das habe ich von meiner Reise nicht erwartet. Ich war überrascht; und selten so traurig, ein Land am Ende verlassen zu müssen.
Als ich in Xi‘An ankomme, ist das hier das Erste, was ich sehe, als ich aus dem Taxi aussteige. Zwar gibt es in China Vieles, das mich an meine Zeit in Taiwan erinnert, aber in diesem Land werde ich noch einige komplett neue Eindrücke sammeln. China ist anders als alles, was ich bisher kannte.Xi‘An bildet übrigens den Anfang der Seidenstraße. Diese existierte von ca. 200 v. Chr. Bis zum 14. Jahrhundert. Sie führte bis zum Mittlemeer und war zentral für den Austausch von Seide, Gewürzen und Papier. Obwohl der Name Anderes andeutet, war die Seidenstraße ein verzweigtes System von Land- und Seewegen. Durch das Netzwerk verbreiteten sich auch Religionen wie Buddhismus oder Christentum weltweit.Der Berg Hua Shan nahe Xi‘ An ist einer der fünf heiligen taoistischen Berge Chinas. Eine Wanderung um den Berg beinhaltet das Erklimmen von fünf Stielen Gipfeln, von denen der höchste 2155 Meter hoch ist. Ja, man kann den Berg besteigen, obwohl er heilig ist. Tatsächlich hat China gute Arbeit geleistet, den Berg zugänglich zu machen. Von steiler Seilbahn bis zu den scheinbar endlosen Treppenstufen.Am Berg kann – muss man aber nicht – die „gefährlichste Wanderung der Welt“ begehen. Sie ist in Wahrheit alles andere als gefährlich, wenn man so abgesichert ist, wie man hier etwas erkennen kann.Auf den Stadtmauern von Xi‘ An kann man in 14 Kilometern die Stadt zu Fuß oder auf dem Rad umrunden und die Kontraste zwischen historischer Stadtrelikte und moderner Gebäude beobachten.Die Terracotta-Armee ist eine der größten und bedeutendsten archäologischen Funde. Sie wurde 1975 zufällig von einem Bauern beim Graben eines Brunnens entdeckt. Über 8.000 lebensgroße Tonsoldaten, Pferde und Streitwagen wurden zwischen 246 und 206 v. Chr. gebaut, um den ersten Kaiser von China, Qin Shihuangdi, nach seinem Tod im Jenseits zu beschützen. Jede Figur ist ein Unikat. Sie haben individuelle Gesichtszüge, Frisuren und Rüstungen, die dem jeweiligen militärischen Rang widerspiegeln. Unter den 700.000 Arbeitern waren sowohl Meisterhandwerker als auch Zwangsarbeiter, Soldaten und Bauern an der Armee beteiligt. Was man hier sieht, ist quasi analoges Tinder. In Chinas öffentlichen Parks können Menschen jeglichen Alters ein Steckbrief über sich aufhängen. Informationen beinhalten normalerweise Alter, Größe, manchmal Beruf, Kinder und Heiratstatus, aber vor allem: was sie in einem Partner suchen. Zum Beispiel eine Mindestgröße von 1,75 Metern oder einen ehrlichen und verantwortungsvollen Partner.In Chpngqing gibt es ein Theaterstück mit einer Bühne, die sich um 360 Grad dreht. „Chongqing 1949“ erzählt die Geschichte des Widerstands und der Befreiung der Stadt Chongqing am Vorabend der Gründung der Volksrepublik China. Auch wenn ich kein Mandarin spreche, sind die propagandistischen Züge leicht zu erkennen. Die Theaterbühne ist aber einzigartig: sie besteht aus fünf Ringen, die sich unabhängig voneinander drehen können. Teilweise befinden sich die Sitzränge auf denselben rotierenden Ebenen.Eine Pagode im Lijiang, Yunnan.Die Provinz Yunnan ist mit 46,5 Millionen Menschen vergleichsweise eher dünn besiedelt. Städte fühlen sich ländlicher an. Oft kann man abends in den Stadtzentren wie beispielsweise Lijiang oder Shangri-La diese Tanzgruppen finden. Über Lautsprecher werden traditionelle Volkslieder gespielt. Teils tibetische, aber in Yunnan gibt es viele ethnische Gruppen, die ihre eigenen Lieder und eigene Kleidung haben.In der Provinz Yunnan in China kann man tibetische Einflüsse sehen, ohne wirklich nach Tibet zu reisen. Neben tibetischer Gruppen ist die Provinz im Südwesten des Landes auch Heimat für ethnischer Gruppen wie Yi und Naxi.Meine Freundin und ich sitzen in einer Lahtho. Das religiöse Monument mit den vielen Gebetsfahnen soll mithilfe des Windes die auf dem Stoff gedruckten Gebete in alle Richtungen tragen. Die Reflektion des Sonnenaufgangs am Jadedrachen Schneeberg (Yulong Xue Shan) in Lijiang.Es war arschkalt am Sonnenaufgang. Immerhin befanden wir uns auf 2.600 Meter Höhe. Der Berg im Hintergrund misst an seinem höchsten Gipfel 5.596 Meter. Der Nationalpark in Lijiang ist wunderschön – und dementsprechend gut besucht. Viele junge Hochzeitspaare lassen hier ihre Hochzeitsfotos vor dieser Kulisse machen. Den ganzen Tag über kann man hier Paare in perfekt abgestimmten Anzügen und Kleidern beobachten.Diese Open-Air Performance in Lijiang soll die Vielfalt der ethnischen Gruppen in Yunnan zeigen.Der Stadtpark in LijiangDie berühmte Tempelanlage in Shangri-La. Die Stadt trägt ihren Namen übrigens erst seit 2001. Eine Tourismuskampagnie brachte den neuen Namen, der übrigens US DEM 1933 erschienen Roman Lost Horizon von James Holton stammt. In der Geschichte wird die Stadt als Utopie und Paradies beschrieben.Shangri-La liegt auf 3.300 Metern Höhe. Als ich im Dezember dort war, war das Wasser in den Regenrohren an den Gebäuden komplett gefroren. Tagsüber kann es im Dezember Dank der Sonne um die sieben Grad aufwärmen, nachts fällt die Temperatur in niedrige Minusgrade. Die Luftfeuchtigkeit beträgt 25 %. Ich hatte ununterbrochen rote Augen, die trockene Haut auf meinem Gesicht konnte ich einfach abkratzen und meine Haare brachen mir in einem Ausmaß ab, dass ich es auch jetzt, fast drei Monate später, noch sehen kann.Von Hot Pot war ich kein großer Fan – bis ich nach China kam. Best Hot Pot ever.Ich bin hier nicht high, die niedrige Luftfeuchtigkeit macht mir einfach echt viel zu schaffen.Hot Take: Chinesischer Glühwein ist besser als Deutscher. Im Hostel selbst gemacht mit Lorbeerblatt, Zimt, Sternanis und Orange.Der Napa-See in Shangri-La.Die Tiger Leaping Gorge in Yunnan. Die nächsten Bilder habe ich alle auf der Wanderung aufgenommen.Die Stadt Dali in Yunnan.Der See in Dali. Es sind nur 120 Kilometern, um ihn zu umfahren. Mein letzter Tag in China.
Ein Kommentar
Raini
So muss auch mal ein Bericht über China sein.Auslassen des Politischen.Orte von denen man weniger hört.Da möchte man gleich los wandern/radeln.Vielleicht das eine oder andere Foto zuviel.
So muss auch mal ein Bericht über China sein.Auslassen des Politischen.Orte von denen man weniger hört.Da möchte man gleich los wandern/radeln.Vielleicht das eine oder andere Foto zuviel.