In voller Regenmontur komme ich an einem Samstagnachmittag im Hostel in Nago, Okinawa, an. Ich ziehe meine Wanderschuhe aus und stehe gleich im Aufenthaltsraum, der wie ein gemütliches Wohnzimmer eingerichtet ist. Ein paar der Gäste haben es sich auf den drei bunten Sofas gemütlich gemacht. Einer von ihnen blickt in meine Richtung. Unter seiner grünen Cap schenkt er mir ein Lächeln. Es ist eines dieser Lächeln, die fast schon zaghaft, aber dennoch freundlich sind und die man oft Menschen gibt, denen man flüchtig begegnet.
Am Abend kommen wir schnell ins Gespräch. Eine kleine Gruppe von Leuten aus dem Hostel hat sich gefunden, um zusammen in eine Reggaebar zu gehen. Als ich mit meinem Dosenbier in der Hand ins Wohnzimmer komme, bietet mir er einen Platz auf dem Sofa an.
Es stellt sich heraus, dass sein Name Ollie ist. Viel später stellt sich heraus, dass wir für zwei Wochen gemeinsam Thailand bereisen werden.
Ollie ist einer der Menschen, die das Herz auf der Zunge tragen. Wächst ein Gedanke erst in ihm, dauert es nicht lange, bis er ihn auch schon ausgesprochen hat. So überrascht es zum Beispiel nicht, dass er mir ein Wiedersehen in Thailand vorschlägt, obwohl wir uns nicht mal 24 Stunden lang kennen.
Eine Liebe für Japan
„Für diese Reise habe ich mich von Einigem verabschiedet. Meinen Job habe ich gekündigt, die Wohnung auch. Ich wollte an nichts mehr gebunden sein.“, erzählt Ollie, während er an seinem Negroni nippt. Ollie und ich sitzen abends bei 27 Grad auf den Straßen Chiang Mai’s. Die Cocktails haben wir uns in der Jazz-Bar nebenan geholt, wo die Band gerade einen Song von Ryuichi Sakamoto spielt. Ich kenne ihn nicht, aber Ollie springt sofort darauf an. Er erzählt mir begeistert von seiner Musik und der Ausstellung in Tokyo, die er besucht hat. Ollie ist großer Japan-Fan. Zwei Monate hat er das Land bereist – einen davon alleine, den anderen mit einem Freund. Aber warum ausgerechnet Japan ?
„Ich bin einfach fasziniert von dem Land, den Synthesizern, dem Essen, den großen Städten und der Natur“, sagt der 32-Jährige. „Es gibt dort überall diese ganzen abgefahrenen, leuchtenden Lichter auf den Straßen. Da wirkt die UK eher subtil gegen“, erklärt er weiter.
Der Schritt raus aus England
Vor der Reise hatte Ollie erstmal genug von seiner Heimatstadt Leeds. Nach seinem Studium der Musikproduktion, arbeitete er sechs Jahre lang als Koch – zuletzt als leitender. Nebenbei produziert er Musik und arbeitet bei einer Bookingagentur für Künstler*innen. Zurück in die Küche will er nicht. Zu sehr hat ihn sein Leben vor der Reise ausgelaugt. „Ich habe auf diesem Trip gelernt, worin ich wirklich gut bin – und das ist kreativ sein“, sagt er. Kreativität – das könne Vieles sein. Mal Musik, mal Schreiben, mal Fotografie. Für Ollie ist aber klar: diesen Ausgleich braucht er in seinem Leben.
Wenn man Kultur auf der Straße findet
Nach acht Wochen Japan folgten drei Wochen in Vietnam. Nun sollen die 14 Tage im Norden Thailands der Abschluss seiner Reise sein.
Ich will von Ollie wissen, welches Land er am meisten vermissen wird. Ohne lang zu zögern antwortet er: „Vietnam“. Das ganze Leben fände hier draußen statt; die Restaurants und Bars mit ihren kleinen Plastikstühlen auf den Gehwegen. Die Läden, die Früchte auf der Straße verkaufen. „Diese Art von Leben macht mir schon echt Freude“ sagt Ollie und zündet sich eine neue Zigarette an, eine Mevius. Die japanische Marke raucht er hier in Asien am liebsten. Da passt es ganz gut, wo wir gerade sitzen – auf der Straße, wenn auch ohne die Plastikstühle.

Von Politik und dem Sinn des Reisens
Auf meiner Reise beschäftigt mich vor allem eine Frage: Warum sollten Menschen trotz aller politischen Entwicklungen weiterhin auf Reisen gehen? Ollie sagt mir, von schlechten Nachrichten sollte man sich nicht vereinnahmen lassen. Das Weltgeschehen solle nicht sein persönliches Leben oder seine Reise beeinflussen. Aber wenn man aktiv werden und etwas beitragen möchte, dann solle man bei Freunden, Familie und Bekannten anfangen; sich mit ihnen unterhalten, wenn sie eine andere Meinung haben und offen auf Diskussionen eingehen, sagt Ollie. Er erzählt weiter: „Reisen lohnt sich immer noch, weil man überall auf der Welt Herzlichkeit finden kann – und weil es das Bewusstsein für andere Lebensarten erweitert“. Dann trinkt er den letzten Schluck seines Cocktails. Morgen früh wird er im Flieger zurück nach England sitzen. Dort will er seinen Plan für mehr Kreativität in seinem Leben umsetzen. Aber sicher ist auch eine andere Sache – die nächste Reise wird kommen.
— Diese Frage stelle ich Menschen, denen ich auf meiner Reise begegnet. Ich lasse mich viel von schlechten Nachrichten überwältigen und denke dann, ich tue nicht genug. Und ich möchte etwas tun, das steht für mich fest.
Ich habe neulich einen Podcast gehört. Deutschland3000, wo die Moderatorin Eva Schulz den Journalisten Hubertus Koch interviewt. Seine Worte an einer Stelle sind mir sehr nah gegangen. Er meinte, er wolle mit den Privilegien, die er als Deutscher (der studiert und Journalismus gelernt hat), seine Privilegien für etwas Wichtiges nutzen. Diese Aussage – und meine Reise momentan – stärkt in mir immer mehr den Wunsch, weiterhin als Journalistin zu arbeiten. Ich möchte Menschen darüber, was in der Welt passiert, informieren.
Aber gleichzeitig bleibt mir auch Ollie’s Aussage im Kopf: Das Weltgeschehen darf nicht mein persönliches Leben vereinnehmen.
Zwar kann es hilfreich sein, wenn die Nachrichten nicht einfach spurlos an einem vorbeigehen. Wut oder Empörung darüber, was zurzeit geschieht, kann auch ermächtigend und der erste Schritt zur Veränderung sein. Aber wenn die politischen Entwicklungen weltweit so sehr das eigene Wohlergehen und Leben beeinflussen, dass man lähmende Schuldgefühle bekommt – dann ist damit Niemandem geholfen. Also fangen wir im Kleinen an. In unserem sozialen Umfeld, bei den Menschen, die wir kennen, so wie Ollie es vorschlägt.
Ollie hat auf seiner Reise die Herzlichkeit vieler Menschen kennengelernt. Das hat mich daran denken lassen, wie viele gute Menschen ich getroffen habe – und es waren sicherlich mehr offene und wohlwollende Personen als andersherum. Und das will ich nicht vergessen. Dieser Gedankengang führte mich dann zurück zu den schlechten Nachrichten. Von denen sehe ich in den sozialen Medien viel. Fast ausschließlich sogar. Aber manchmal kommt auch etwas Gutes dazwischen. Seiten wie Die Zeit oder Louisa Schneider berichten auf Instagram regelmäßig über Gute Nachrichten. Denn nicht nur Wut führt zu Aktion – auch Hoffnung.
Jo….auch von Reisen braucht man ne Pause.Die Gegensätze schätzen lernen.Um dann frisch Motiviert eine Reise zu Planen. Und wieder einmal hast du alle Worte perfekt gewählt .