Von Thailands Norden bis Süden: Wie ich per Anhalter auf Polizisten und Mönche traf
Von Thailands Norden bis Süden: Wie ich per Anhalter auf Polizisten und Mönche traf

Von Thailands Norden bis Süden: Wie ich per Anhalter auf Polizisten und Mönche traf

Tage 1. – 22. Juli 2025

Ich lege gerade meinen blauen Rucksack am Rand des Highways ab und halte das Pappschild noch verkehrtherum in der Hand – da hält ein Auto an. Das Beifahrerfenster geht runter. Zwei Männer schauen mich an. „You want to go Sukhothai?“, fragt mich der Fahrer. „Sàwàtdiikha. C̄hạn xyāk pị Sukhothai“, versuche ich auf meinem besten Thai zu sagen – Hallo, ich möchte nach Sukhothai. „We are going to Bangkok but can drive you to Phitsanulok. From there it’s easy to go to Sukhothai“, versichert mir der Fahrer in ausgezeichnetem Englisch. Ich steige ein.

Wo ich am Ende des Tages ankomme, ist zweitrangig. Ich lasse mich treiben – oder besser gesagt: mitnehmen.

Ich will von Norden nach Süden reisen – per Anhalter. Startpunkt ist Pua. Mein Ziel Khao Sok. 2.000 Kilometer lege ich so zurück. Am Ende lerne ich über Buddhismus, treffe auf Polizisten und Mönche – und einen Mann, der mir sagt, dass Menschen nur drei Tage leben.

Auf unserer sechsstündigen Fahrt reden und lachen wir viel. Zumindest Pranote, der Fahrer, lacht viel. Zum Beispiel, wenn er etwas erzählt – oder, wenn ich etwas erzähle. Seine aufgeweckte und fröhliche Art hat ihn schon einige Male Anhalter mitnehmen lassen. Er fragt mich, wie alt ich sei. Als ich ihm sage, dass ich 26 bin, reagiert er überrascht: „Oh so young. I could be your Dad. I’m 46“. Der Beifahrer und Arbeitskollege hingegen bleibt die Fahrt über eher still. „Er spricht kein Englisch“, sagt Pranote zu mir. Wichtiger ist ihm ohnehin das Bier in seinem großen Metallbecher.

Ich versuche vergeblich, die beiden Männer als Dankeschön einzuladen. Stattdessen besteht Pranote darauf, mir Mittagessen und Kaffee auszugeben. „Ich habe ja normalerweise keine Tochter“, erklärt mir Pranote – wie immer – lachend.

Wie es ist, in Thailand zu trampen

Auf meiner Reise in den Süden stehe ich mit meinen Rucksäcken und Pappschild insgesamt elf Mal am Straßenrand. Neun Tage habe ich für meine Strecke gebraucht. Manchmal warte ich fünf Minuten auf ein Auto, manchmal zwei Stunden. Aber egal, wie lange es dauert: Immer mit Zuversicht und Geduld. Aber noch öfter als dass Leute mir eine Mitfahrgelegenheit anbieten, wollen sie mich zur nächsten Bushaltestelle bringen. Diejenigen, die anhalten, begegnen mir offen und hilfsbereit – aber verstehen, warum ich gerne trampe, tun die meisten nicht. Zweimal wollen mir Menschen Geld für den Bus zu geben, wovon ich sie nur mit Mühe abhalten kann. Das erweckt in mir den Eindruck, dass viele Thailänder*innen eher Mitleid mit mir haben – und mir deswegen helfen wollen. Aber der Großteil der hier lebenden Menschen sind buddhistisch. Sie glauben also an Karma: Wenn du Gutes tust, wird dir Gutes widerfahren.

In Thailand zu trampen, hat manchmal einen großen Nachteil. Oft wünsche ich mir, Thailändisch zu sprechen, wenn ich versuche, mich mit Leuten zu unterhalten. Aber meine Thai-Kenntnisse reichen kaum über Hallo, Danke und Lecker hinaus und die wenigsten Thailänder*innen sprechen gutes Englisch. Mein Wunsch, mit Einheimischen in Gespräche zu kommen, die über Smalltalk hinausgehen, wird aufgrund mangelnder Möglichkeit, Google Übersetzer während des Autofahrens zu nutzen, häufig zunichte gemacht. Das hindert mich daran, mehr über die Geschichte anderer Menschen zu lernen. Ich lerne aber trotzdem ihre Herzlichkeit kennenzulernen. Viele laden mich zum Essen und zu Kaffee ein – die meisten Versuche, mich bei ihnen zu revanchieren, bleiben oft vergebens. Außerdem bringen sie mich nicht nur zu meinem Ziel; sie bestehen darauf, mich direkt zu meinem Hostel zu fahren.

Immer wieder werde ich, während ich warte, mit kleinen Aufmerksamkeiten überrascht: mit Wasser oder einem Sitzplatz. An einem Militär-Checkpoint organisieren die Soldaten selbst eine Mitfahrgelegenheit für mich. Und einmal – da ruft jemand wegen mir die Polizei an.

Liebenswerte Polizisten

An der Straße von Nakhon Sawan sehe ich ein Polizeiauto vorfahren. Ich grüße die drei aussteigenden Polizisten freundlich. Das ist nicht das erste Mal. Schon am Vortag musste ich eine halbe Stunde lang drei anderen sehr besorgten Polizisten erklären müssen, dass ich unbedingt per Anhalter fahren möchte.

Die Polizisten in Nakhon Sawan erzählen mir, jemand hätte mich an der Straße gesehen und daraufhin die Polizei kontaktiert. Mich wundert das gar nicht. Die Person hat das sicher nicht aus bösen Absichten getan – ohnehin ist per Anhalter fahren in Thailand legal. Ich gehe also davon aus, dass diese Person um meine Sicherheit besorgt war. Ebenso wie diese Polizisten, die nun vor mir stehen. Sie begegnen mir freundlich und verstehen schnell, dass Bus fahren keine Alternative für mich ist – und bringen mich kurzerhand an die nächste Tankstelle außerhalb der Stadt, wo ich bessere Chancen auf Erfolg habe. Sie bitten noch um ein Foto mit mir und lassen mich dann ziehen.

Kurze Zeit später hilft mir ein Mann, der vom Scheitel bis zu den Zehenspitzen voller traditioneller Thai-Tattoos ist, meine Rucksäcke in den Van zu laden. Diese Fahrt zur nächsten Stadt, die für gewöhnlich zwei Stunden dauert, dauert an diesem Tag acht Stunden. Aber sie beweist mir wieder einmal, welche besonderen Erlebnisse durchs Trampen entstehen können.

Einblicke in den Buddhismus

Zurück in dem Van stellt sich der Mann als Arjan Piak vor. Aber wir sind nicht alleine. Ich lerne auch seine Frau und zwei Kinder kennen. Sie sind heute auf langer Mission: fünf Tempel besuchen sie – zwei sind bereits geschafft, zu den restlichen drei nehmen sie mich mit.

Während der Fahrt sitze ich zwischen den Kindern. Dabei hören wir thailändische Musik. Ich weiß nicht, wovon die Texte handeln. aber sie lösen ein positives Gefühl in mir aus, während ich träumerisch aus dem Fenster blicke.

Kurze Zeit später finde ich mich mit der Familie auf einer großen Tempelanlage auf einem kleinen Berg wieder. Ich frage Arjan, was es mit ihrem Trip auf sich hat. Er erklärt, dass sie einige Freunde haben, für die sie beten. Ein Freund von, Arjan beispielsweise lebt in Indonesien und eröffnet bald ein Lokal, wofür er ihm viel Glück wünschen möchte. Sie bringen riesige Kerzen zu den Tempeln, damit Mönche für ihre Freunde beten.“You come with us, for good luck“, sagt Arjan zu mir und ich verstehe noch nicht ganz, was er damit meint.

Plötzlich sitze ich mit gekreuzten Beinen und gefalteten Händen vor einer goldenen Buddha-Statue, während ich ein Gebet nachspreche, das ich nicht verstehe.

Später kaufen wir für 100 Baht einen Käfig mit kleinen Vögeln, die wir auf einer Aussichtsplattform freilassen. Für das Glück anderer.

Der Segen des Obersten Mönchs

Wir warten beim letzten Tempel auf den Obersten Mönch. Ich komme dank Google Übersetzer in ein vertieftes Gespräch mit Arjan; für eine organische Unterhaltung reichen unsere jeweiligen Thai- und Englischkenntnisse nicht aus. Wir reden über Meditation und wie wichtig es ist, die Dinge zu akzeptieren – was viele Menschen anstreben, aber im alltäglichen Leben daran scheitern.

Arjan erzählt mir, dass Menschen nur drei Tage lang leben. Wir haben die Vergangenheit; das Gestern, wo Dinge geschehen sind, die wir nicht ändern können und die wir loslassen müssen. Wir haben die Gegenwart; das Heute, wo wir alles gestalten können und was demnach auch der einzige Tag ist, der wirklich zählt. Die Zukunft, das Morgen, ist ungewiss. Wir können nicht wissen, was passieren wird, was das Heute nur umso wichtiger werden lässt.

Unser angeregtes, wenn auch stummes Gespräch wird vom Obersten Mönch unterbrochen. Er hat jetzt Zeit für uns und die Bitten von Arjan und seiner Familie. Bevor es aber dazu kommt, berichtet Arjan dem Mönch lang und breit von meiner Geschichte – vom Schreiben, der Philosophie, der Farm in Pua, der Reise und dem Trampen. Der Mönch reagiert mit einem breiten Grinsen, während er den Daumen hochhält und mir sagt „Very Good!“

Für mich ist dieser Tag mit Arjan und seiner Familie, das, was Trampen ausmacht. Es entstehen unerwartete, schöne und lehrreiche Begegnungen, weil man sich für das Ungewisse öffnet.

3 Kommentare

  1. Emma Heyen

    Wie schön ❤️ wunderbare Dinge können beim trampen passieren. Es freut mich so das die Menschen um dich herum so lieb und hilfsbereit waren!
    Und freu mich das sie ein bisschen Zeit mit dir verbringen konnten. 😍 Fühl dich umarmt liebe Henny.

  2. hayden

    a wonderful connecting time with Arjan and his family! you got a firsthand look into how he practices his Buddhism. Thank goodness for google translate and your confidence in hitchhiking- you never know where that journey will take you ◡̈

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