Mit dem Roller einmal um Taiwan: Taiwans Geschichte und das Lächeln fremder Menschen
Mit dem Roller einmal um Taiwan: Taiwans Geschichte und das Lächeln fremder Menschen

Mit dem Roller einmal um Taiwan: Taiwans Geschichte und das Lächeln fremder Menschen

Tage 24. und 25. April 2025

Bei über 30 Grad komme ich mittags in Tainan an. Weil mir so viele Menschen von Taiwans ehemaliger Hauptstadt und seinen schönen Häusern und Straßen vorgeschwärmt hatten, dachte ich irgendwie, dass mich eine kleine, gemütliche Altstadt erwartet. Mit einer knapp zwei Millionenmetropole hatte ich nicht gerechnet. Das wusste ich dann erst, als ich angekommen bin. Na, da kannst nichts machen. Wie hätte ich das vorher auch wissen sollen?
Ich checke ins Hostel ein und bin ehrlich gesagt ziemlich am Ende. Die vergangenen Tage und das Erlebte zerren sehr an mir. Die Medikamente, die mir die Ärztin im Krankenhaus verschrieben hat, bereiten mir immer wieder Schwindelanfälle. Die Fahrt von Donggang nach Tainan – durch Industriegebiete und vielbefahrene Hauptstraßen (wo ich jede rote Ampel mitgenommen habe) – macht mir nur wenig Lust auf den Rest der Westküste. Ich weiß nicht, wohin mit mir. In einer Woche muss ich den Roller zurück nach Taipeh bringen – entweder über die Westküste oder durch die Berge. Und eines kann ich dabei schon sagen: das Ding fährt bei Steigung fast rückwärts.
Ich zweifele sogar an meiner Reise; wochenlang war ich voller Zuversicht und Leichtigkeit gegenüber dem, was noch kommt. Davon ist gerade nichts mehr übrig.
Kurze Zeit später raffe ich mich aber wieder auf, weil was bleibt mir auch anderes übrig. In Sehnsucht nach Natur und Grün – und Flucht vor der großen Stadt – gehe ich im Park spazieren. Und ich kann nicht sagen, wieso, aber in diesem Park haben mich so viele Leute angelächelt, wie noch nie in meinem Leben. Vielleicht gibt es so etwas wie einen Post-Sexual-Violence-Glow, den ich gerade trage. Ich jedenfalls fühle mich schrecklich – innerlich sowie äußerlich – aber die Leute schauen mich irgendwie nett an und ich lächle zurück. Und so fühle ich mich zumindest etwas besser.
Auch am Morgen vom 25. April, als ich gerade mit meinem Roller an (wer hätte es gedacht) einer roten Ampel stehe, fährt da eine Frau an mir vorbei und lächelt mich an. Mir sind dabei ernsthaft die Tränen gekommen. Und ich bin sonst eine Person, die emotional gern mal auf Sparflamme läuft. Also es lohnt sich hin und wieder mal, die Leute auf der Straße nett anzulächeln. Vielleicht macht man den Tag für andere so schöner.

Eine Einführung in Taiwans Geschichte

Ich mache also weiter. In Tainan gibt es ein historisches Museum, das ich besuche. Es ist Freitagmorgen. Ich bin natürlich pünktlich um neun Uhr da und betrete das Museum mit etwa 100 Schulkindern. Hier habe ich ganz schön viel gelernt, und zwar…

…Fangen wir von vorne an. Zurzeit gibt es zwei mögliche Theorien über die ersten Menschen in Taiwan. Die erste besagt, dass sie Jäger und Sammler waren, aus dem östlichen Part Asiens stammten und schrittweise auf die Insel zogen. Die zweite Theorie behauptet, die ersten Menschen hier seien Fischer aus Südostasien gewesen, die nördlich zogen. Bisher hat man sich auf keine Theorie einigen können, also bleiben beide vorerst plausibel.

In der Mitte des 16. Jahrhunderts wurde Taiwan zu einem Treffpunkt und Transferknotenpunkt für den Handel in Ostasien. Alle großen Seemächte haben hier miteinander konkurriert. Zu Beginn waren es viele Kaufleute und Piraten aus China und Japan, die Taiwan als Handelsort nutzten. Während des 17. Jahrhunderts mischten sich die Niederlande und Spanien dazu. Die indigenen Gemeinschaften Taiwans konnten sich dagegen zuerst nicht zur Wehr setzen.
Bis ins 17. Jahrhundert hatte das Land keine Regierung, kein Regime, was es kontrollierte. Jeder Mensch konnte einfach kommen und gegen, was die Insel für viele so attraktiv machte.
In den frühen Jahren des 17. Jahrhunderts führten Spanien und die Niederlande Krieg miteinander. Dieser weitete sich sogar bis auf Asien aus. Die Niederländer schafften es schließlich im Jahr 1624 den Küstenteils von Tainan zu übernehmen und begannen somit ihre 38-jährige Kolonisation. Doch die Proteste der indigenen Völker machten es ihnen nicht leicht.
1626 übernahm Spanien dann die Kontrolle Nordtaiwans – für ein Jahrzehnt. Spanien verlor den Krieg gegen die Niederlande 1642 und zog sich vollständig aus Taiwan zurück.

Die Niederlande herrschten also von 1624 bis 1662 über Taiwan. Danach haben sie an die chinesische Zheng-Regierung abgegeben, bis 1684 die Qing-Dynastie das Land übernahm. Diese führte es weg vom internationalen Seehandel hin zu Agrarkultur. Viele chinesische Zuwanderer kamen und legten sich überall im Land nieder. Sie bauten ihre eigenen Dörfer, Industrien und Kulturen auf.
Die indigenen Völker hatten ganz unterschiedliche Beziehungen zur Qing-Dynastie. Einige von ihnen zahlten Steuern an die Regierung und leisteten ihnen „corvée“ – unbezahlte Arbeit (so beschreibt es das Museum). Die meisten Völker aus den Bergen und dem Osten des Landes hingegen wollten ihre Unabhängigkeit und Autonomität bewahren. Diese Regionen wurden von China auch „huawai“ genannt – jenseits der Grenzen der Zivilisation. Die chinesische Regierung unterteilte die indigenen Völker zudem in Gruppen. Die einen, die „cooked savages“, die der Qing-Dynastie folgten und ihre Gewohnheiten annahmen und die anderen, die „raw savages“, die eben komplett unzivilisiert seien. Bis ins 19. Jahrhundert hinein lebten die Völker im Osten ein ziemlich ungestörtes und traditionelles Leben, bis dann immer mehr Menschen aus dem Westen in den Osten zogen.

Irgendwann um 1894 dachte sich Japan, dass es sich gerne mal einmischen möchte und so folgte der Sino-japanische Krieg von 1984-85, den China schlussendlich verlor. Japan war in seiner Herrschaft strenger als sein Vorgänger – verlangte sogar absolute Loyalität von den Menschen in Taiwan. Es folgte eine beispiellose Transformation. Gleichzeitig waren die Bewohner Taiwans auch begeistert von der westlichen und modernen Kultur, die Japan mitbrachte. Andererseits litten sie unter der Diskriminierung. Die „japanische Ära“ brachte vor allem Depression, Widerstand und Ungleichheit. Um die indigene Bevölkerung vollkommen unter Kontrolle zu haben, nutzte Japan nicht nur militärische Mittel. Eine ihrer Taktiken, „Tourismus“, beinhalteten tatsächlich Reisen nach Japan. Viele Oberhäupter der Indigenen nahmen an solchen Touren teil und sagten im Nachhinein: „Never resist the Japanese, because they were as numerous as ants, and we would never win.“

Durch die japanische Kolonisation wurde auch eine modernere Bildung angeboten, insbesondere für Frauen. So entstanden viele Berufe, die ausschließlich für Frauen zugänglich waren, in etwa Krankenschwestern, Hebammen oder Lehrerinnen. Eine Frau, die mir besonders auffiel, war Hsieh Hsueh-hung. Sie lebte von 1901-1970. Hsieh war als Kind mit einem Mann verheiratet worden. Sie studierte aber auch in Russland und war Mitgründerin der Taiwanesischen Kommunistenpartei 1928.

Die Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts waren die Zeit der linken Rebellion. Junge Intellektuelle waren unzufrieden mit der kolonialen Politik und versuchten, dietaiwanesische Kultur und Gesellschaft zu verändern. Die Antwort der Regierung darauf: Verhaftungen aller linken Aktivisten im Jahr 1931. Damit war dieRebelliom niedergeschlagen.

„In order to achieve revolution and form soviets, we must unite to enlighten and train people, as well as to establish a communist organization“ – Zitat Hsieh Hsueh-hung

Japanisches Propaganda-Poster für den zweiten Weltkrieg

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 war auch Japans Herrschaft über Taiwan zu Ende. Japan verlor den Pazifikkrieg gegen die USA. Von dort an bis 1975 herrschte die Kuomintang-Regierung unter Chiang Kai-Shek in Taiwan. Die Menschen in Taiwan blickten zunächst hoffnungsvoll auf den Regierungswechsel, der sich schließlich aber als noch zerstörerischer und unterdrückender herausstellte. Die Phrase „the pig came after the dog left“, etablierte sich.

— In dem Museum wird Taiwans Geschichte breit erzählt. Ich habe gut drei Stunden dort verbracht und hätte sicher noch länger bleiben können. Ich war überrascht, dass die Zeit der Regierung von Chiang Kai-Shek nur angeschnitten wurde, war er doch dafür verantwortlich, dass Andersdenkende ermordet wurden und Menschen ohne Gerichtsurteile für Jahrzehnte in Gefängnissen verschwanden. In dieser Zeit gab es schätzungsweise mehr als 100.000 Gefangene und 10.000 Tote. Wirklich verlassen kann man sich auf diese Zahlen nicht – die Epoche ist historisch noch lange nicht aufgearbeitet.

Hier noch ein paar nette Bilder

Mit der wäre ich lieber unterwegs in Taiwan…
Ein Werbeposter aus den Sechzigerjahren. Gesangs- und Tanzgruppen gingen damals auf Tour und spielten zehn Shows pro Location. Frankreichs Moulin Rouge hatte großen Einfluss auf taiwanesisches Tanztheater
Das Tao-Volk der Lanyu-Insel hat diesen Helm aus Münzen hergestellt, die sie auf einem Schiffswrack gefunden hatten.

3 Kommentare

  1. Raini

    Immer diese Unterdrückung der Indigenen.Aber außnahmsweise wurde die Insel nicht nach Recourcen ausgebeutet,oder?Schön,was man in ein paar Wochen alles erfährt.Macht spaß die Berichte zu lesen.

  2. hayden

    oooo so informative! how marvelous that you can learn about this history through museums and the landscape. and how beautiful that people continuously smiled at you just when you need the reminder of kindness :,)

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