Mit dem Roller einmal um Taiwan: Ein Wald aus Korallen, die „Strawberry-Generation“ und Bob Marley
Mit dem Roller einmal um Taiwan: Ein Wald aus Korallen, die „Strawberry-Generation“ und Bob Marley

Mit dem Roller einmal um Taiwan: Ein Wald aus Korallen, die „Strawberry-Generation“ und Bob Marley

Tag 18. April 2025

Während meiner Zeit in Taiwan habe ich viele Menschen getroffen, die von Kenting schwärmten. Was sich anhört, wie eine Londoner U-Bahnstation, ist eigentlich ein Naturschutzgebiet ganz im Süden Taiwans. Bekannt ist Kenting für seine schönen Sandstrände, das hellblaue Meer und für sein Nachtleben.
Ich hatte kurz vor meiner Ankunft in Kenting vage davon gehört, dass es hier ein uraltes Korallenriff gibt, welches heute trocken liegt. Aber ehrlich gesagt, bin ich eigentlich wegen der Stalagmiten und Stalagtiten in den Park gefahren. Mit Höhlen hat man mich ja. Aber wirklich umgehauen hat mich dann doch das Korallenriff.

Selten hat mich ein Nationalpark so fasziniert, wie dieser. Zwischen diesen riesigen Wänden aus Kalkstein zu schlendern und zu sehen, wie sich all die Wurzeln der Bäume einen Weg zu fruchtbaren Boden bahnen, war nichts weniger als atemberaubend.

What? How?

Das habe ich mich gefragt und deswegen gleich jede Infotafel inhaliert.

Während des Miozän – vor 23 bis 5 Millionen Jahren – begannen sich die ersten Riffe im heutigen Süden Taiwans zu bilden. Vor ca. 5 bis 2 Millionen Jahren lag der heutige Kenting Nationalpark größtenteils noch am Meeresboden. Diese Korallenriffe, die sich übrigens auch mitten in Städten wie Hengchun wiederfinden, entwickelten sich zu massiven Kalkablagerungen, als über die Jahrtausende Schicht über Schicht aufeinander wuchs.

Schließlich – vor ungefähr 2,5 Millionen Jahren – schob sich die philippinische Seeplatte unter die eurasische Platte. Taiwan befindet sich genau an dieser aktiven Grenze. Durch den Druck wurde das Gebiet an die Wasseroberfläche befördert.

Die Tatsache, dass man heute in Kenting durch ein uraltes Korallenriff läuft, bleibt aber nicht die einzige spannende Erfahrung. Überall im Park wachsen Bäume direkt auf den riesigen Kalksteinen. In den vielen Jahren der Verwitterung, schaffte sich das Riff eine dünne Schicht Boden, die es ermöglicht, dass ein Wald darauf wachsen konnte. Heute wachsen hier zwischen den Spalten Feigen- und Ahornbäume. Da der dünne Boden aber nicht besonders fruchtbar ist, mussten sich die Bäume tief in die Spalten eingraben. Das führt auch zu einem schnelleren Zerfall des Riffes. Was aber besonders schön zu beobachten ist: Im gesamten Korallenriff wachsen die Wurzeln an der Luft. Gerade die Feigenbäume entwickeln naturgemäß auffällige Wurzeln, die in Kenting ein komplexes, riesiges überirdisches Netzwerk erahnen lassen.

Hier sieht man das Wurzelwerk und die Astbildung eines Feigenbaums
Ein Feigenbaum wächst oben auf dem Riff und lässt seine Wurzeln auf der Suche nach fruchtbaren Boden wachsen.

Mit der Zeit sind große Felsen des Riffes abgebrochen, was zu den heutigen Schluchten führte. Dadurch konnten sich auch Höhlen voller Stalagmiten und Stalaktiten bilden.

Ein seitlicher Blick auf das Korallenriff
Der Weg durch das Riff

Vögel und faule Gen Z

Am gleichen Tag wollte ich noch einen Ausflug zum Long Luan Lake Nature Center machen. Hier kann man kostenlos die Ferngläser nutzen, um die am See lebenden Vögel zu beobachten. Neben Kuhreihern, Reiherenten, Zwergtauchern habe ich auch einen Fischadler finden können.
Als ich mich gerade wieder auf dem Heimweg machen wollte, bemerkte ich, wie ich vermutlich länger schon beobachtet wurde. Direkt, als ich aufstand, sprach mich ein etwa 70 Jahre alter Mitarbeiter an. Ich kann mich nicht erinnern, wie das Gespräch diese Wendung nahm. Aber es begann damit, wie viel Mut ich ja hätte, als so junge Person (womöglich schätzte er mich auf 18) nach Taiwan zu reisen und an solche Orte zu kommen. Geendet hat es schließlich damit, dass junge Menschen faul und schwach seien. Er sprach von einer sogenannten „Strawberry-Generation“.

Der Name kommt von der Erdbeere, weil diese so zart ist und leicht Druckstellen bekommt. Übertragen bedeutet das also, dass ältere Generationen meinen, die jüngeren Menschen seien nicht belastbar. Stattdessen seien sie verwöhnt und sensibel. Der Begriff richtet sich insbesondere an diejenigen, die nach den 1980-er Jahren geboren wurden – also Millennials und Gen Z.
Ja, das kommt mir natürlich sehr bekannt vor aus Deutschland. Zuhause, wie auch hier in Taiwan gibt es anscheinend die gleichen Generationskonflikte. Ältere Menschen wollen nicht verstehen, dass das Problem tiefergreifender ist als nur vermeintlich faule Jugendliche. Taiwans Arbeitskultur ist kritisch; es wird extrem viel gearbeitet; Arbeitnehmer engagieren sich oft über jegliches normale und gesunde Maß hinaus für ihre Arbeit – für am Ende nichts. Dass Millennials und Gen Z keine Lust mehr darauf haben, einer toxischen Arbeitskultur beizusteuern, sondern ihre eigene mentale Gesundheit an erster Stelle sehen und ihre Arbeitskraft nicht unter Wert verkaufen wollen, das fällt vielen älteren Menschen schwer zu verstehen.
Es ist wiederum ja auch verständlich. Taiwans Wirtschaft begann erst in den 1960-er Jahren zu wachsen. Bis 1945 wurde das Land von Japan kolonialisiert.

Dass ältere Generationen also einen ganz anderen Blick auf Arbeit und eine andere Definition von Disziplin haben, kann ich nachvollziehen. Aber es ist doch auch nicht zu viel verlangt, eigene Denkmuster zu reflektieren und zu hinterfragen, warum die Dinge so sind wie sie sind.

Ein Bob Marley-Konzert und Geschichtsstunde in Einem

In einem Ort nördlich von Kenting habe ich ein Hostelzimmer gebucht. Gerade, als ich den Text über das Korallenriff im Nationalpark schrieb, fiel mir an der braunen Holzwand meines Bettes etwas anderes Braunes auf. Dieses Etwas war ungefähr so groß wie meine Handfläche und scheint acht Beine zu haben.

Also, ich erstmal zum Hostelbesitzer, um ihn zu fragen, ob sie giftig ist. Die Antwort, nein. Es ist nur eine Huntsman-Spinne. „Laya“ heißt sie in Taiwan, was für meinen Geschmack viel zu hübsch klingt. So oder so. Ich habe es geschafft, zehn Monate in Australien zu leben und dann bin ich einmal in Taiwan und hab plötzlich eine Huntsman-Spinne in meinem Bett? Da scheint mir etwas falsch zu laufen! Der Besitzer war jedenfalls super tapfer, wie er die Spinne ohne Verletzte nach draußen beförderte, obwohl er selber eine Heidenangst hatte.
So kamen wir also ins Gespräch. Er fragte mich nach meinen Plänen für heute Abend und erzählte mir von einem Konzert in einer Bar um die Ecke. Ein Typ, der Bob Marley Songs singt. Damit stand der Plan für heute Abend fest.

Duane Forrest ist der Name des Musikers und Geschichtenerzählers aus Toronto. Er spielte in der Shore Bar in Hengchun, einem ca. 30 Quadratmeter großem Wohnzimmer. Hier versammelten sich um die 30-40 Reggaefans – alle in coolen Outfits, mit interessanten Tattoos oder aufgeknüpften Hemden. Während seiner Show spielte Duane neben Marley-Songs auch andere bekannte Lieder. Zum Beispiel den Lieblingssong seiner Mutter: „I can’t help falling in Love“ von Elvis. Oder Eric Clapton‘s Version von „I shot the Sheriff“.

Das Besondere an Duane Forrest’s Auftritt waren die Geschichten, die er erzählte und das Hintergrundwissen, das er teilte. So gebe es beispielsweise im Reggae Einflüsse der Countrymusik.

Duane erzählt uns auch, dass er seinen richtigen Nachnamen nicht kennt. Er wird ihn nie wissen. Stattdessen trägt er den Nachnamen Forrest. Das war der Name des Sklavenhalters, für den seine Großgroßmutter gezwungen wurde, zu arbeiten.

Der Buffalo Soldier

Buffalo Soldiers waren afroamerikanische Soldaten, die nach dem amerikanischen Bürgerkrieg, also ab 1866, der US-Armee dienen mussten. Viele von ihnen waren ehemalige Sklaven. Kämpfen mussten sie oft in den „Indian Wars“ – somit zwangen die Weißen eine Minderheit, gegen eine andere Minderheit zu kämpfen. Die indigenen Völker gaben den Soldaten damals den Namen des Buffalo Soldaten – wegen ihrer zähen Kampfweise und ihrer Haare, die dem Fell eines Büffeln ähneln würden.

“Buffalo Soldier“ war einer der letzten Songs, an denen Malrey gearbeitet hatte und wurde erst nach seinem Tod 1981 veröffentlicht. Er singt hier beispielsweise: „Stolen from Africa, brought to America“ – und erinnert damit daran, wie viele Schwarze gewaltsam aus ihren Heimatländern in Afrika verschleppt und anschließend gezwungen wurden, in einem rassistischen System zu arbeiten und zu kämpfen, dass sie unterdrückte.

Es sind wieder einmal Abende, wie dieser, die dafür sorgen, dass ich hier aus Taiwan gar nicht mehr wegmöchte.

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