Mit dem Roller einmal um Taiwan: 3.000 Kilometer später
Mit dem Roller einmal um Taiwan: 3.000 Kilometer später

Mit dem Roller einmal um Taiwan: 3.000 Kilometer später

Triggerwarnung: In diesem Text geht es zum Schluss um sexuelle Gewalt. Wer sich damit nicht gut fühlt, liest besser nicht zu Ende.
Betroffene sexualisierter Gewalt können sich unter diesen Telefonnummern professionelle Hilfe holen, Unterstützung finden, Fragen stellen und mit jemandem reden.

An dieser Stelle möchte ich auch festhalten, dass ich für Fragen, Gespräche oder das Teilen von Gedanken und Erlebtem ein offenes Ohr habe.

Deutschland:

Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen 116016

Hilfetelefon Sexueller Missbrauch 08002255530 (Montags, mittwochs und freitags 9-14 Uhr, dienstags und donnerstags 15-20 Uhr)

Taiwan:

Protection Hotline 113 (nur Chinesisch)

Peace of Mind 1925 (Chinesisch und englisch)

USA:

National Sexual Assault Telephone Hotline (rainn) 8006564673 oder 800.656.HOPE

Safe horizon 12122273000

31 Tage lang war ich mit meinem Roller in Taiwan unterwegs. Ganz Taiwan habe ich damit befahren. Und was soll ich sagen, es war eine intensive Zeit. In Taiwan wurden für mich Träume und Ängste war.

Ich erinnere mich, wie ich am 1. April in Taipeh losfuhr. Zuvor kaum Roller gefahren, musste ich plötzlich durch eine Millionenmetropole navigieren – wo ich wahrscheinlich um die 20 Verkehrsregeln gebrochen habe – und das im strömenden Regen. Fünf Stunden lang bin ich an dem Tag gefahren. Der Regen hörte erst dann kurz auf, als ich die Ostküste erreichte, bevor er wieder losging. Und trotzdem: als ich im Hostel ankam, war ich so glücklich. ‚Ich mach’s echt, mit dem Roller um Taiwan.‘

Ich habe schon Einiges von meiner Reise hier gezeigt. Einzelne besondere Erlebnisse habe ich geteilt. Wie ich mit meinem Roller (zweimal) in Nationalparks steckengeblieben bin, das Inselleben auf Lanyu Island, ein Wald aus Korallenriffen, Museen oder Parties in der Großstadt. Aber in dem Monat gab es Vieles, das auf der Stecke geblieben ist, was ich unbedingt aufholen möchte. Und ausnahmsweise werden hier mal mehr die Fotos für sich sprechen. Und ab jetzt wird abgrundtief zugespamt.

Eine der schönsten heißen Quellen Taiwans…

… habe ich mit anderen, sehr lieben Reisenden in der Nähe von Chishang besucht. Eine Stunde sind wir dafür mit dem Roller tief in die Schlucht gefahren. Von dort aus eine weitere Stunde wandern – 500 Meter ging es steil bergab, bis wir zweimal den Fluss überqueren und über große Felsen klettern mussten.

Der Weg durch die Schlucht
Hier überquerten wir das erste Mal den Fluss – da war das Wasser noch flach
Die heiße Quelle direkt neben dem Fluss.

Die Ostküste Taiwans….

… auf die habe ich mich so sehr gefreut. Zwei Wochen habe ich hier insgesamt verbracht und es war genauso schön, wie ich es erhofft habe.

Südlich der Stadt Hualien peitschten die Wellen gegen diese Felsformationen
Ein verdammtes Schiffswrack bei Yilan… so cool
Diesen Fotos kann ich wirklich nichts mehr hinzufügen. Junge, war das schön

Inselleben…

…Bedeutet für mich, auf einem Dienstag Mittag mir mit einem Oppi auf der Terrasse ein paar Bier reinzustellen und danach in der Sonne zu nappen. Genau das hab ich dann auch gemacht.

Guava und Fisch mit Koriander
Noch ein Schiffswrack, bei Lanyu Island
(Kurz danach ist mein Roller mal wieder nicht angesprungen). Es war schon dunkel aber glücklicherweise hat mir ein anderer Reisender geholfen. So wusste ich im Nachhinein zumindest, wie man einen Kickstart gibt.
Reis, Tofu, Tea eggs und Kohl mit Knoblauch von der Hostelbesitzerin auf Lanyu Island
Das hier wahrscheinlich eines meiner Lieblingsbilder. Sonnenaufgang auf Lanyu, mit altem Vulkangestein

Ein Festival im Süden

… habe ich für zwei Tage in Hengchun mitgenommen. Das Musikfestival war zweifelsohne eines der besten Erlebnisse, die ich in Taiwan hatte. Es ist einfach was so Besonderes, Bands live zu hören, das mich so glücklich macht – sogar noch Wochen später. Das Festival war übrigens kostenlos, da die Region versucht, den Tourismus dort wieder anzukurbeln. Die Gegend um Kenting war vor einigen Jahren mal sehr beliebt – wegen der Strände und eines anderen Musikfestivals, welches mittlerweile aber woanders stattfindet. Wegen günstigeren Preisen sind viele taiwanesische Urlauber dann noch vermehrt nach Japan gereist, und schon brach der Tourismus ein.

Ich hab auf dem Hengchun Music Festival Bands gehört, die bei mir gerade on repeat laufen. Das ist vor allem die Pa Pun Band

Und Wendy Wander

und Hue

Luiqiu Island

… war ne kleine Insel, auf der ich zugegebenermaßen ’ne kleine schlechte Zeit hatte. Aber einzelne gute Momente gab es dennoch.

Noch ein Sonnenuntergang
Im Hintergrund ist Taiwan zu sehen
Blick auf den Sonnenuntergang von meinem Hostel aus

Die Westküste…

… habe ich so ziemlich ausgelassen und bin bis auf Tainan eher Inlands gefahren, wo ich einen Zwischenstopp am Sun Moon Lake gemacht habe. Dort habe ich Nanou, Clem und Lena vom Hostel wiedergetroffen. Es war gerade Glühwürmchen-Zeit. Und so sind wir abends im Dunkeln losgegangen und auf ein Lichtkonzert aus Glühwürmchen gestoßen. Um uns herum blinkte und leuchtete alles golden auf.

Hoch oben auf 3200 Metern
Ja, Taiwan ist unfassbar divers in seiner Natur
Das war in Daxi, mein letzter Abend mit dem Roller…

Ich hatte eine wunderschöne Zeit in Taiwan. Ich denke gerne an sie zurück und vermisse sie auch ein wenig. Einige meiner Träume und Wünsche sind hier wahr geworden. Ich liebe es, selbständig Länder zu bereisen und am liebsten nehme ich gleich alles von ihnen mit. Mit einem eigenen Roller also die Möglichkeit zu haben, die gesamte Insel zu bereisen, so wie ich es mag, war perfekt für mich. Ich hatte mir gewünscht, ein Musikfestival zu besuchen und zufälligerweise genau das im Süden gefunden. Auch ganz oben auf meiner Wunschliste stand, mit Locals abends auf kleinen Plastikstühlen zusammenzusitzen, zu trinken und Quatsch zu reden. Auch das wurde wahr – gleich mehrmals.
Sicherlich habe ich nicht erwartet, so viel über Roller zu lernen, aber ich bin froh, ein wenig das Gefühl für sie bekommen zu haben. Es war bestimmt nicht das letzte Mal, dass ich auf diese Art unterwegs bin. Zu Beginn war es definitiv eine Angst von mir, mit dem Roller irgendwo im nirgendwo steckenzubleiben. Es ist im Endeffekt dreimal passiert, und hey, ich hab’s immer irgendwie rausgeschafft, was mir auch viel Gewissheit und Gelassenheit für die Zukunft gegeben hat.

Taiwan ist eines, wenn nicht sogar das beste Land, das ich bisher besucht habe. Und das, obwohl es die Vergewaltigung gab. So etwas auf Reisen zu erleben, ist hart. Das ist es immer noch. Aber es öffentlich zu machen, hat mir Vieles gebracht. Es hat mir Stärke und Kontrolle wiedergegeben, es zur Anzeige zu bringen. Hierauf meinem Blog darüber zu schreiben, hat mir auch geholfen, es ein wenig zu verarbeiten.
Viele Menschen haben sich deswegen bei mir gemeldet. Und hier kommt ein weiterer wichtiger Punkt dazu. Ich habe in den letzten Wochen gelernt, dass meine Intention mit meinem Text über dieses Thema vor allem war, dass Menschen es nicht ignorieren. Klar, ich wollte zeigen, sexuelle Gewalt passiert – und es passiert oft. Aber ich will, dass wir als Gesellschaft lernen, darüber zu reden. Dass man es anspricht, dass man zeigt „Hey, ich sehe und höre dich.“ Niemand hat irgendwo gelernt, wie man über sexuelle Gewalt redet, weil man nicht viel darüber redet, abgesehen womöglich vom engsten Freundeskreis.
Ich will damit eigentlich auch niemanden belasten oder so ein Trauma an den Kopf werfen. Aber im Endeffekt ist sexuelle Gewalt ein Problem, das viel größer ist als wir im Einzelnen.
Ich schätze jede einzelne Person, die sich bei mir gemeldet hat, obwohl es so schwierig ist, dafür Worte zu finden. Mir würde es auch schwerfallen, etwas zu sagen, was irgendwie Sinn ergibt. Aber es dennoch zu versuchen, ist der springende Punkt dabei.

Mehrere Menschen aus meinem Bekanntenkreis haben mir, nachdem sie den Blog gelesen haben,erzählt, dass ihnen das gleiche widerfahren ist. Eine dieser Personen möchte nun auch zur Polizei gehen, um Anzeige zu erstatten.

Ich möchte, dass wir uns alle mal vorstellen, was wir in unserer Gesellschaft erreichen können, würden alle Opfer und Betroffenen -jeglicher- Gewalt öffentlich damit umgehen.

4 Kommentare

  1. Raini

    Moinsen Henrieke.Wieder einmal findest du die richtigen Worte.Und du setzt dich selber zurückhaltend in Szene.Und man sieht wieder einmal das ……(wie auf einem Festival die unbekannten Bands Interessanter sind)…….die kleineren Länder viel zu bieten haben. Gute Reise. 😎💖

  2. hayden

    what beautiful pictures of both Taiwan and yourself! You are simply radiant! And wise words tied to sexual abuse/rape. The more that it is ignored, the more often it can occur. We’re here for you chicka 🙂 You are so strong, and smart, and stunning!

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