Malaysia: Das Geschäft mit der Nachhaltigkeit
Malaysia: Das Geschäft mit der Nachhaltigkeit

Malaysia: Das Geschäft mit der Nachhaltigkeit

Die Fast Fashion Industrie ist eine der schädlichsten der Welt. Für eine einzige neue Jeans benötigt man 10.000 Liter Wasser. 3500 verschiedene Chemikalien werden für neue Kleidung eingesetzt, womit die Industrie für 20 Prozent der weltweiten Wasserverschmutzung verantwortlich ist. Sie verursacht bis zu elf Prozent der globalen Treibhausgasemissionen. Über 35 Prozent des Mikroplastiks im Meer stammt aus unserer billigen Kleidung. Jedes Jahr landen 92 Millionen Tonnen Kleidung auf Mülldeponien. Hinzu kommen schlechte Arbeitsbedingungen für die Menschen, die in den Fabriken Indiens und Bangladeshs unsere Kleidung nähen.

In Malaysia habe ich für zwei Wochen als Freiwillige in einem Unternehmen für Textilrecycling, Upcycle4Better, gearbeitet. Aber ein Unternehmen, das viel Gutes tut, tut nicht automatisch nur Gutes. Warum auch das Geschäft mit der Nachhaltigkeit kann problematisch sein.

Was ist U4B?

Upcycle4Better (U4B) ist ein 2021 gegründetes Tochterunternehmen der Firma Statewide Cleaning Cloths Australia (SCCA). Der Sitz von U4B ist in Port Klang, Malaysia. Das Unternehmen sammelt alte gespendete Kleidung, die von den Arbeiterinnen und Arbeitern in der Fabrik sortiert und entweder im Secondhandshop weiterverkauft oder recycelt werden. Aus alten Jeans und Hemden werden beispielsweise Handtaschen genäht. Alte Schuhsohlen werden zu neuem Boden auf Spielplätzen weiterverarbeitet.

U4B will aber nicht nur Kleidung recyceln und somit weniger Müll produzieren, sondern auch textiles Bewusstsein fördern. Zurzeit arbeitet das Unternehmen daran, Schulen und Firmen für ihr Educational Training zu bewerben, inklusive Führung durch die Fabrik. In Malaysia gebe es kaum Verantwortungsbewusstsein für alte Kleidung, sagen die Mitarbeiter von U4B. Über 200.000 Tonnen Kleidung landen in Malaysia jedes Jahr auf den Mülldeponien, wo sie aufgrund des häufig genutzten synthetischen Kunststoffs Polyester bis zu 200 Jahre liegen, bevor sie zerfallen.

Fragwürdige Versprechen

U4B ist ein kleines Tochterunternehmen von SCCA. SCCA behauptet „Australia’s zero waste textiles collector“ zu sein. Die Firma sammelt gespendete Kleidung und schifft sie zu ihrer Schwesterfirma Australian Textiles Manufacturing Malaysia (ATMM) – ebenfalls in Port Klang. U4B gehört also auch zu ATMM. SCCA zufolge werden 45 Prozent dieser Kleidung zu Matten und Lappen weiterverarbeitet. 55 Prozent werden weltweit als „günstige Textilien“ exportiert – ohne näher zu beschreiben, was das bedeutet.(1)

SCCA exportiert auch in die Vereinigten Arabischen Emirate. Dort befindet sich 100 Meilen von Dubai entfernt eine Mülldeponie mit 20 Tonnen Textilmüll. Unter einer Plastikabdeckung fand man hier 2023 einen Stempel: „Property of Statewide Cleaning Cloths Australia Pty Ltd“. CEO der Firma, Dale Warren, der auch der Chief Managing Director von ATMM ist, behauptet, diese Abdeckungen könnten von anderen Händlern entlang der Lieferkette genutzt worden seien.

„This is a small action of a rogue processor [or] trader and is not reflective of the textiles recovery industry. Our zero waste policy extends across our entire operation, irrespective of geographical borders.“(2)

Wie macht man Geld mit Nachhaltigkeit?

U4B stellt nicht nur Handtaschen aus alten Jeans her und verkauft sie weiter. Das Unternehmen arbeitet auch mit Ikea und Petronas zusammen – letzteres ist eine malaysische Öl- und Gasfirma. U4B recycelt alte Uniformen der Firmen und verkauft sie weiter.

Dabei sind Ikea und Petronas riesige Firmen, die der Umwelt immensen Schaden zufügen. Ikea beispielsweise holzt in Europa die ältesten Wälder – die Karpaten – ab, um daraus Billigmöbel herzustellen. Derweil verspricht Ikea seinen Konsumentinnen und Konsumenten: „Wir fördern verantwortungsvolle Forstwirtschafts-Methoden“. In den Karpaten wird weiterhin jede Stunde eine Fläche von fünf Fußballfeldern abgeholzt.(3)

Als 94 Milliardenschwere Firma steht auch Petronas unter starker Kritik. Allein 2021 produzierte sie 45.2 Millionen Tonnen Treibhausgasemissionen. Zwischen 2021-23 investierte die Firma den weltweit fünftgrößten Betrag in den Bau von Gas-Pipelines.(4) Petronas trägt weiterhin maßgeblich zur Umweltverschmutzung bei, obwohl die Firma in einer Werbung versprach, die Emissionen senken zu werden. Daraufhin wurde ihr offiziell verboten, diese Werbung weiterhin zu verbreiten.(5)

Geworben wird also mit leeren Nachhaltigkeitsversprechen. Auf der Webseite der Firma heißt es weiterhin:„We will engage in practices that restore, protect and conserve ecosystems in Malaysia and in the countries we operate“.(6) Die Strategien zur Umwandlung und Dekarbonisierung von Petronas wurden mit internationalen Richtlinien überprüft und als unzulänglich gewertet. Petronas‘ net-Zero pathway (eine Strategie von Firmen, um bis 2050 Netto-Null-Treibhausgasemissionen zu erreichen) kann die meisten Anforderungen dieser Richtlinien nicht erfüllen.(7)

Weiterhin heißt es bei Greenpeace:

„It is also estimated that 25 percent of Petronas’ capital expenditure will not break even in the APS as a share of annual government expenditure [13]. As such, by continuing to invest in the O&G industry, Petronas risks national stability, exposes communities to climate adversities and reaffirms over-reliance on an industry that is fast becoming archaic.“(8)

U4B arbeitet also mit Firmen zusammen, die aktiv an der Zerstörung des Planeten beteiligt sind. Außerdem verkauft U4B die recycelten Produkte auf Zalora, einem online-Verkäufer für Mode. Zalora verkauft unter anderem Produkte von ZARA und H&M weiter – zwei der größten Fast Fashion Firmen.(9)

Nachhaltigkeit produziert in Indien

Viele Produkte von U4B werden in Malaysia hergestellt. Damit bleiben nicht nur Transportwege kurz, es werden auch Arbeitsplätze geschaffen. Was aber bei den recycelten Teppichen auffällt, ist das Ettiket.

Made in India

Die Teppiche lässt U4B in Indien herstellen. Hier lassen sich von mir weder die dortigen Arbeitsbedingungen überprüfen noch die Anteile der recycelten Materialien. Statewide Cleaning Cloths Australia erklärt in einem Video auf der Webseite aber, dieser Prozess würde „many people the much needed support“ geben. (10)

Kommentar

Lieferkettengesetze fordern

SCCA gibt das Versprechen, keinen textilen Abfall an Mülldeponien zu schicken. Gleichzeitig exportieren sie 55 Prozent der gesammelten Textilien weltweit – ohne nachvollziehbare Lieferkette, wie man an dem Beispiel der Mülldeponie nahe Dubai sehen kann. Wenn dieser „unseriöse Händler“ wie Warren meint, ohne Schwierigkeiten die Textilien von SCCA auf einer Mülldeponie in den Emiraten lagern kann, dann ist das ein Armutszeugnis für SCCA’s angeblich reine Zero Waste Politik. Als Hauptakteur scheint es leicht zu sein, die Verantwortung auf kleinere, unidentifizierbare Händler abzuwälzen. Es schließt aber nicht die Lücke in einem unkontrollierten und nicht nachvollziehbaren Lieferkettensystem, für das SCCA verantwortlich ist. Darüber hinaus bleibt es ungewiss, was mit den 55 Prozent der exportierten Textilien geschieht, die als „günstige Textilien“ irgendwo in der Welt weiterverkauft werden.

U4B exportiert einen Teil seiner Textilien ins Ausland – nach Indien. Auch hier bleiben die Lieferkette, sowie die Herstellungsbedingungen ungenau.

Die Transportwege, die nachvollziehbar sind: von Australien in die Emirate und zu den Firmen ATMM und U4B in Malaysia. Von dort aus nach Indien. Die restlichen 55 Prozent Exporte bleiben ungeklärt.

Lieferkettengesetze sollten nicht nur für Textilhersteller und Fast Fashion Giganten gefordert werden. Bei Recyclingfirmen wie SCCA bleibt es mindestens genauso wichtig, die Transportwege und Handelspartner entlang der Lieferkette nachvollziehen zu können. Denn bei dem Geschäft mit der Nachhaltigkeit bleibt immer auch das Risiko, dass unter dem Deckmantel der Nachhaltigkeit und Ethik die Realität der Firmen doch nicht den versprochenen Standards entspricht.

Ein ethisches Dilemma?

Statewide Cleaning Cloths Australia und das Tochterunternehmen Upcycle4Better schaffen Arbeitsplätze in Malaysia, geben alter Kleidung neue Funktion und bilden Schulen und Unternehmen in textilem Bewusstsein aus. Ohne diese kleinen Verbesserungen gäbe es gar keinen Fortschritt. Dennoch sind sie Teil eines kapitalistischen Wirtschaftssystems, das auf Wachstum und Konsumsteigerung basiert. Sie lindern die Symptome des Systems, stellen aber nicht seine Grundstruktur infrage.

Es könnte wohl argumentiert werden, dass U4B bemüht ist, umweltzerstörende Industrien von innen zu verändern. Oder dass die oben genannten Firmen ihr Verhalten ändern und nachhaltiger werden wollen. Bei Betrachtung der zuvor aufgelegten Fakten kann es sich bei Zalora, Petronas und Ikea aber um nicht mehr als PR-Strategien handeln. Petronas behauptet, aktiv an Praktiken teilnehmen zu wollen, die Malaysias Ökosysteme schützen – machen aber weiterhin Geschäfte mit fossilen Brennstoffen. Das Recycling alter Uniformen ist daher nur ein Tropfen auf einem heißen Stein. Gleiches gilt für Ikea und Zalora.

Mit Firmen zu kooperieren, die damit werben, dem Planeten zu helfen aber gleichzeitig mit Abholzung und fossilen Projekten weiterhin der Umwelt schaden und die aktiv Konsumentinnen und Konsumenten anlügen, um nachhaltiger zu wirken – damit unterstützt U4B Greenwashing. Es simuliert Verantwortung und täuscht Konsumentinnen und Konsumenten ethisches Handeln vor.

U4B rückt zwar mehr ins Vorderlicht – und somit auch textiles Bewusstsein – wenn mit Big Playern zusammengearbeitet wird. Doch mit dem Recycling der alten Uniformen wird keine erhebliche Veränderung bewirkt, sondern unethische Praktiken großer kapitalistischer Firmen gebilligt.

Was heißt das nun?

Das Geschäft mit der Nachhaltigkeit ist komplex – es lässt sich nicht auf Schwarz und Weiß reduzieren. Man kann Firmen für ihre Verbesserungen loben und gleichzeitig für ihr kapitalistisches Wesen kritisieren.

U4B arbeitet weiterhin mit umweltzerstörenden Firmen zusammen, obwohl ein Boykott angemessen wäre. SCCA ist als Firma, die gespendete Kleidung aus Australien in die Welt verschifft, dafür verantwortlich, nachvollziehbare Lieferketten zu schaffen und mit verlässlichen Händlern zu arbeiten – oder ganz auf weltweiten Export und damit auch lange Transportwege zu verzichten.

Für Konsumentinnen und Konsumenten bleibt derweil nur, sich über die Firmen und Verkäufer zu informieren und ihre grünen Versprechen zu hinterfragen. So wie ich auch im Voraus der Freiwilligenarbeit hätte hinterfragen können – wobei dann aber dieser Text nicht zustande gekommen wäre.

Quellen

(1) https://www.statewideaustralia.com

(2) Warren zitiert in https://www.voguebusiness.com/story/sustainability/textile-waste-in-the-desert-the-reality-of-zero-waste-promises

(3) https://www.greenpeace.de/biodiversitaet/waelder/waelder-erde/ikea-kahlschlag-urwald-nachhaltigkeit

(4) https://www.eco-business.com/news/petronas-pertamina-among-national-oil-companies-at-highest-risk-of-not-generating-public-returns-in-net-zero-world/

(5) https://climatecasechart.com/non-us-case/asa-ruling-on-petroliam-nasional-berhad-trading-as-petronas/#:~:text=However%2C%20despite%20that%2C%20in%202021,Authority%20(“ASA”

(6) https://www.petronas.com/sustainability/thriving-with-nature

(7) https://www.greenpeace.org/malaysia/press/52806/oil-and-gas-prospecting-near-penang-is-inconsistent-with-climate-science/

(8) https://www.greenpeace.org/malaysia/press/52806/oil-and-gas-prospecting-near-penang-is-inconsistent-with-climate-science/

(9) https://www.zalora.com.my/store/hm-global/all-products

(10) https://www.statewideaustralia.com

2 Kommentare

  1. Raini

    Mit Beginn der Industrialisierung war eigentlich klar daß es sehr schwer sein wird den richtigen Weg einzuschlagen.Wie sollen die Menschen aus den einfachsten Verhältnissen an Wasser kommen ohne Plastikmüll zu produzieren.Und die Welt ihren Müll nach Asien bringt.Die Global Player müssen auch dafür sorgen (Höhere Produktsteuer) das dieser Planet nicht noch mehr Vermüllt.Ein unendlicher Kreislauf.Kauft weniger Kleidung .Und vor allem Kleidung aus Baumwolle.Und tragt sie länger.Habe ich was vergessen 🤔

    1. Weniger Kleidung kaufen ist ein guter Punkt. Oft wird auf Alternativen verwiesen, wie second hand kaufen. Aber auch in der Kleidung ist viel Mikroplastik, das ins Wasser führt. Weniger konsumieren, das ist oft immer noch unvorstellbar für Leute. Und Kleidung aus Baumwolle – da ist es auch nicht einfach, denn für den Anbau werden etliche Pestizide verwendet. Bio, Leinen, Hanf, das sind vielleicht alternativen.

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