01. März bis 05. Mai 2026
Ich habe noch etwa 400 Euro in der Tasche, als Liam und Ich den Bus von Ho-Chi-Minh-Stadt nach Phnom Penh nehmen. Zwar genug, um sich langsam Gedanken zu machen, wie es weitergehen soll, aber nicht genug, um direkt etwas an der Situation zu ändern – sondern sie eher anzupassen. Die kommenden zwei Wochen arbeiten wir als Freiwillige, wo ich pro Tag nur zwei Euro ausgebe. Anschließend kommt meine Mama mich für drei Wochen besuchen. Darauf folgen nochmal drei Wochen Freiwilligenarbeit. Aber Kambodscha war noch so viel mehr als die letzten Wochen meiner Asienreise, wo ich aufs Geld achten musste.
Urlaub damals, Urlaub heute
Kambodscha war das Land, das ich für drei Wochen mit meiner Mutter bereisen durfte. Dass wir mal gemeinsam in Südostasien unterwegs sein würden, hätten wir beide uns früher sicher nicht gedacht. Manchmal versuche ich mir vorzustellen, was mein jüngeres Ich zu mir sagen würde, was sie denken würde. Ich kann es mir ernsthaft nicht vorstellen. Aber ich erinnere mich an die Urlaube, die wir früher gemeinsam als Familie unternommen haben.
Für gewöhnlich sind wir mit dem alten Camper Sven nach Dänemark, Italien, Belgien oder Frankreich gefahren sind. Die Roadtrips, Stellplätze, Nudeln mit Tomatensoße, Karten und Kniffel spielen, zu viert im Bus schlafen, mein alter runder CD-Player, schwimmen in Seen oder im Meer – das sind Urlaubserinnerungen von früher.
Heute sitzen wir zusammen auf Rollern und fahren quer über eine kambodschanische Insel. Wir sitzen auf einem historischen Bambus-Zug, lernen über die Herstellung von Reiswein oder Reispapier. Zugegeben, wir verbringen auch viel Zeit drinnen, weil 38 Grad in Südostasien echt hart sind. Aber wir sitzen auch abends draußen, essen gutes, scharfes Essen, trinken Cambodia Bier und rauchen Zigaretten, während wir Kniffel spielen. Kniffel ist das Einzige, was noch genauso ist, wie früher im Urlaub.
Für meine Mutter war der Trip nach Kambodscha das Abenteuer ihres Lebens, wie sie sagt. Das glaube ich sofort. Für mich war es eigentlich ziemlich entspannt. Es war für mich der Part meiner Asien-Reise, der am meisten einem Urlaub und am wenigsten Backpacking ähnelte. Und am Ende haben mir genau die Dinge am meisten Spaß gemacht, die wir auch zuhause im eigenen Garten machen können: Bier trinken und kniffeln.
—
Zu manchen Reisen gehören manchmal auch schlechte Erfahrungen dazu. So eine habe ich mit meiner Mutter zusammen erlebt. Da ich auf diesem Blog meine Erlebnisse, Erfahrungen und Meinungen so gut es geht, ehrlich und ungeschönt teile, gehört diese Geschichte nunmal auch dazu. Ich werde sie ganz am Ende dieses Beitrags erzählen, sodass jede Person selbst entscheiden kann, ob sie das lesen möchte. Es geht um einen tödlichen Unfall.
Aber erstmal gibt es hier Fotos aus zwei Monaten Kambodscha.








Erbaut wurde Angkor Wat in Kambodscha im 12. Jahrhundert. Es ist bis heute das größte religiöse Monument der Welt. Übersetzt bedeutet der Name „Stadt der Tempel“. Die Tempelanlage erstreckt sich über mehr als 160 ha. Sie ist von einem massiven 200 m breiten Wassergraben umgeben, der so groß ist, dass man sogar aus dem Weltall auf Satellitenbildern sehen kann. Der gesamte Komplex wurde nur etwa 37 Jahren errichtet. Im Vergleich: eine europäische Kathedrale dieser Größe im Mittelalter brauchte oft Jahrhunderte zur Fertigstellung. Schätzungen zufolge arbeiteten rund 300.000 Menschen und 6000 Elefanten, um Anlage zu erbauen. Anders als andere buddhistische Tempel zeigt Angkor Wat nach Westen da. Da der Westen im Hinduismus mit dem Totengott Yama verbunden ist, glaubt man heute, dass der Tempel ursprünglich auch als Grabstätte für den König geplant war. Eigentlich wurde der Tempel zu Ehren des hinduistischen Gottes Vishna erbaut. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts konvertiert das Reich jedoch zum Buddhismus, woraufhin der Komplex in ein buddhistisches Tempel umgewandelt wurde.
Im 15. Jahrhundert verließ die Bevölkerung die Stadt schlagartig. Warum das damals hochentwickelte Reich kollabierte, weiß man bis heute nicht. Forscher vermuten als Gründe aber eine Mischung aus Kriegen und dem Zusammenbruch ihres extrem komplexen Bewässerungssystems. Wie man auf diesem Bild sehen kann, eroberte der Dschungel die Ruinen zurück, nachdem die Menschen die Stadt verlassen.








Der Unfall
Ich lebe. Dabei bin ich nicht einmal angeschnallt. Wie dumm von mir. Wieso schnalle ich mich nicht an? Ich schnalle mich immer an im Auto, in jedem Bus, auf jeder Fahrt. Ich bin nicht angeschnallt, Aber unverletzt. Mir ist nichts passiert. Wahrscheinlich habe ich das auch meiner Mutter zu verdanken, die während des Aufpralls hinter mir saß und sofort ihre Arme um mich gerissen hat, um mich festzuhalten. Dabei ist ihr Sitz sogar aus der Verankerung gefallen. Als wir zum Stehen kommen, drehe ich mich ungläubig zu ihr. Der Schock steht uns beiden ins Gesicht geschrieben, als wir uns gegenseitig fragen, ob alles in Ordnung ist. Während ich eher regungslos dasitze, vergewissert meine Mutter sich bereits, ob es den anderen Menschen im Bus gut geht. Was ist passiert und wie konnte das passieren?
Wir sind im Minivan nach Phnom Penh. Ich sitze in der zweiten Reihe, direkt hinter den zwei Mönchen, denen vor der Fahrt genau mein eigentlicher Sitzplatz neben des Fahrers zugeteilt wurde.
Wir sind mit 100 km/h auf dem Highway, als ich von meinem Handy aufschaue als würde etwas in mir bereits spüren, das gleich etwas passiert. Ich blicke auf die Straße vor uns. Ein Mann auf einem Roller befindet sich auf unserer Fahrbahn. Er trägt keinen Helm. Eine Sekunde. Der Mann bewegt sich nicht, er sitzt nur da auf seinem Roller. Zwei Sekunden. Unser Fahrer reagiert sofort. Er versucht, eine Vollbremsung zu machen. Wir rasen auf den Mann zu. Ich blicke ihm in die Augen. Ich sehe sein Gesicht. Seinen vollkommen entsetzten Blick. Auch er weiß, es gibt jetzt kein Entkommen mehr. Ich sehe ihm direkt in seine braunen Augen. Drei Sekunden. Der Aufprall ist ohrenbetäubend. Er wirft mich aus dem Sitz und lässt meinen ganzen Körper durchschütteln. Der Aufprall kommt gefühlt von allen Seiten. Ich spüre, dass wir über irgendwas drüber fahren. Mir ist sofort klar, dass der Mann tot ist.
Tatsächlich kommt der Aufprall nicht nur von vorne. Ein zweiter Minibus ist uns mit voller Wucht hinten raufgefahren. Wir halten erst einige Meter später an. Vermutlich will unser Fahrer uns den Anblick dessen, was eben passiert ist, ersparen. Erst bleiben wir alle sitzen. Glassplitter liegen überall im Bus. Die Frontscheibe ist total kaputt. Ich schaue nach unten, wo ich zahlreiche Taschen und Rucksäcke sehe, die während des Unfalls ihren Weg vom Kofferraum zu mir nach vorne gefunden haben.
Zuerst bewegt sich niemand. Erst nach einigen Minuten steigen die ersten Leute aus dem Bus auf den heißen Asphalt mitten auf den Highway. Ich wage mich ebenfalls raus und kann nicht anders, als meinen Blick nach hinten zu richten, wissend, was ich womöglich sehen werde. Aber alles, was ich finde, sind ein paar Dutzend Menschen am Straßenrand versammelt.
Die nächsten Stunden ziehen sich. Wir sitzen abseits der Straße bei einer kleinen Holzhütte unter einer Plane. Es ist heiß. Nur mit großer Mühe bekommen wir alle unsere Rucksäcke und Koffer aus dem eingequetschten Kofferraum des Minivans, bevor der Bus abgeschleppt wird. Während wir so stundenlang zusammensitzen, will mir das Gefühl nicht entgehen, dass nur wenige von dem Erlebten geschockt sind. Außer mir und meiner Mutter sieht man es nur den beiden Mönchen im Gesicht an, dass hier etwas wirklich Schreckliches passiert ist.
Ein Polizist bestätigt mir später, was ich schon befürchtet hatte: der Mann, dem ich noch Sekunden vor dem Unfall ins Gesicht geblickt habe, ist sofort gestorben.
Ich habe keine abschließenden Worte. Niemand sollte so sterben. Und niemand sollte so etwas miterleben. Ich kann jetzt noch fast spüren, wie ich von meinem Sitz hochgeschleudert wurde. Ich weiß nicht, was passiert wäre, hätte meine Mutter nicht ihre Arme um mich gerissen. Ich würde mir natürlich wünschen, dass das alles nicht stattgefunden hätte. Aber es ist geschehen und schlimme Dinge passieren jeden Tag. Sie passieren überall und allen möglichen Menschen. Und trotzdem sind wir noch hier. Und dürfen all diese Erfahrungen mitnehmen, die das Leben zu bieten hat. Das ist nicht selbstverständlich.
Und auch wenn’s manchmal hart ist. Wenn mir ein paar der schlimmsten Dinge auf Reisen passiert sind. Wenn ich mal total verloren und gebrochen war. Ich hab richtig Bock auf das, was noch vor mir liegt.
