Die Frau, die in Hostels lebt
Die Frau, die in Hostels lebt

Die Frau, die in Hostels lebt

Kerry ist die erste Person, die ich in Taiwan kennenlerne. Kaum angekommen im Angels Hostel in Taipeh, fragt sie schon neugierig, woher ich komme. Es ist eine kurze Begegnung. Schnell verabschiede ich mich wieder; Ich muss dringend schlafen. Aber sie bleibt mir in Erinnerung.

Das nächste Mal, dass ich Kerry sehe, ist nach meinem Besuch auf dem Shilin Food Night Market. Ich treffe sie in der Küche des Hostels. Sie trägt ein großes T-Shirt, das durch seine bunten Farben ins Auge fällt. Direkt spricht sie mich wieder an. Dieses Mal stelle ich mich ihr richtig vor. „I’m Henny.“ Sofort lädt Kerry mich auf eine Portion Apple Crisp ein. Ein süßer Nachtisch aus Äpfeln, Haferflocken und Zimt, dazu Vanilleeis. „Come sit at our table, it’s right over there“, sagt sie und zeigt auf einen der zwei Tische in der Common Area, wo andere Internationals sitzen und sich unterhalten. Ihre herzliche Offenheit begeistert mich. Sowieso schon gut gelaunt von meinem Ausflug, setze ich mich an den Tisch. Kerry stellt mich den anderen vor; einfacher und schöner könnte es kaum sein, eine neue Gruppe von Menschen zu treffen.
Im Gespräch mit ihr erfahre ich, dass Kerry hier seit sechs Monaten wohnt. Eigentlich kommt sie aus Kanada. Ihre zwei Söhne aber leben seit sieben Jahren in Taiwan. Sie haben sich hier ihr Zuhause aufgebaut. Einer von ihnen hat bereits selber einen Sohn. Kerry strahlt, wenn sie von ihren Kindern erzählt und mir stolz ein Foto ihres Enkels zeigt. Um Zeit mit ihrer Familie zu verbringen, ist sie von Kanada nach Taiwan gereist. Für so lange Zeit in einem Hostel zu leben, ist für sie schon nichts Neues mehr.


Dazu ein kleiner Exkurs. Nach ihrem Masterstudium in Englisch war Kerry vier Jahre lang als Journalistin für eine Zeitung tätig. Die Arbeit gefiel ihr gut, da sie gerne Fragen stellt, wie sie mir erzählt. Als sie Mutter wurde, wechselte sie zu einem Teilzeit-Job als Lehrerin, da sich die Care-Arbeit in der Familie schlecht mit dem Journalismus vereinbaren ließ. 25 Jahre lang war sie verheiratet. Aus dieser Ehe stammen zwei Söhne und eine Tochter. Bevor Kerry ahnen konnte, dass zwei ihrer Kinder an das andere Ende der Welt ziehen würden, kaufte sie ein kleines Haus südlich von Montreal. Aber dort wurde es irgendwann einsam. „Ich liebe das Gefühl von Gemeinschaft“, erklärt sie. Also verkaufte sie das Haus wieder und fing an zu reisen – und in Hostels zu leben. In Hostels hat sie ihre Gemeinschaft gefunden und lernt immer wieder neue Leute kennen. Diese Art zu leben, gebe ihr die Freiheit, zu tun, was sie wolle. Weniger Besitz, mehr Möglichkeiten. „Es ist ein gutes Leben für eine Musikerin wie mich.“

Kerry spielt nämlich leidenschaftlich Akkordeon. Ein Ex-Freund schenkte ihr vor Jahren das Instrument. Sie lernte, es zu spielen und nimmt es heute überall hin mit. Sie ist besonders stolz darauf, mit der Straßenmusik angefangen zu haben. „Das hat mir eine neue Welt eröffnet.“

Sie liebt es, Mutter und Großmutter zu sein. Ihre Familie zu sehen, ist heute ihr Hauptgrund, zu reisen. Auf meine Frage hin, warum man 2025 trotz aller politischen Entwicklungen noch reisen sollte, antwortet Kerry: „Geh auf Reisen, um deine eigene Welt zu vergrößern und neue Perspektiven von anderen Reisenden und Einheimischen kennenzulernen. Und lerne neue Sprachen.“

Dass es sich außerdem gut vereinbaren lässt, politisch aktiv zu sein und gleichzeitig zu reisen, beweist Kerry. Aktuell schreibt sie an einem Protestsong gegen die USA. Sie weigert sich, in die USA zu reisen und boykottiert US-amerikanische Produkte. Für sie sei das erst der Anfang ihres Aktivismus. Oft ist sie mit ihrem Akkordeon in Torontos Subway unterwegs, steigt zwischendurch aus, um ihr Lied zu singen, und steigt dann wieder ein. Dadurch kommt sie oft mit gleichgesinnten Menschen ins Gespräch. Das Akkordeon hat dabei eine ganz bestimmte Funktion: „Ich mag die Idee, es als Waffe gegen Trump und seine Anhänger zu nutzen“, erklärt sie mir. Ganz in Anlehnung an den Folk-Sänger Woodie Guthrie, auf dessen Gitarre „This Machine kills Fascists“ in schwarzen Großbuchstaben geschrieben stand. Guthrie war insbesondere von 1930-1956 aktiv und beeinflusste Musiker wie Bob Dylan.

Zuletzt will ich von Kerry wissen, welchen Ratschlag sie gerne an andere weitergeben möchte. „Erweitere deinen Horizont. Aber verstehe auch, dass es Höhen und Tiefen geben wird. Das Leben kann manchmal bittersüß sein.“ Sie erzählt mir, dass sie in einer großen Familie mit sechs Geschwistern aufgewachsen ist. Ein Bruder starb an Alkohol, eine Schwester an Zigaretten. „Das Wichtige ist, dass wenn du Schwierigkeiten hast, du dir Hilfe suchst“, führt sie weiter aus. Auch hier kommt sie wieder auf die Bedeutung einer Gemeinschaft zurück.
Mittlerweile ist der sechs-monatige Aufenthalt in Taiwan zu Ende. Kerry ist zurück in Toronto, Kanada – und lebt weiterhin im Hostel.

Kerry in der U-Bahn mit einem für sie typischen farbenfrohen Kleid und Hut (in den Nationalfarben Kanadas) und ihr Akkordeon. Sie zeigt auf einen Sticker an ihrem Instrument: „Not the 51st state“.

— Dass Kerry die erste Person ist, die ich auf meiner Reise treffen durfte, wird mir sicher in Erinnerung bleiben. Ich bewundere nicht nur ihre Stärke, dem nachzugehen, was für sie richtig ist und was sie glücklich macht, sondern auch, dass sie reist und gleichzeitig politisch aktiv ist – auf ihre Art, mit Musik und Konsumentscheidungen. Ich treffe sie in einer Zeit, in der ich selber viel über meinen eigenen Aktivismus nachdenke. Ich denke oft, dass ich nur von Zuhause aus aktiv sein kann; dass es auf Reisen nicht möglich ist.
Kerry zeigt, dass es nicht viel braucht, um aktiv zu sein und dass der Rahmen individuell gestaltet werden kann. Zuhause in Kanada ist sie Straßenmusikerin, aber auch auf Reisen und in Taiwan bleibt sie aktiv, indem sie weiterhin bestimmte Produkte boykottiert und mit Menschen über Politik spricht. Politischer Aktivismus ist nicht diese eine Sache, es ist ein Spektrum. Was man braucht, das ist Motivation. Und das geht eben auch auf Reisen.
Was einem nur bewusst sein muss: die eigenen Handlungsmöglichkeiten sind begrenzt. Man wird die Welt höchstwahrscheinlich nicht verändern. Aber man kann Wirkung haben auf die Menschen im eigenen Umfeld. Und Wirkung hat Kerry auf mich. Und zwar nicht nur mit ihrer Entscheidung, in Hostels zu leben und einen Protestsong zu schreiben; auch mit ihrer Herzlichkeit, die ich kennengelernt habe.

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