Die ersten Tage in Taipeh
Die ersten Tage in Taipeh

Die ersten Tage in Taipeh

Tage 26.-27. Februar 2025


Den wohl größten kleinen Cappuccino meines Lebens habe ich während meines Zwischenstopps in Guangzhou in China getrunken. Wie kann es sein, dass die kleinste Variante so groß ist, dass sie so zuhause nicht mal als extra large verkauft werden würde? Immerhin war ich so dank der vermuteten drei Espresso-Shots bei meiner Ankunft in Taiwans Hauptstadt Taipeh wach genug, um gut durch die Großstadt zu meinem Hostel zu gelangen.
Den ersten Tag in Taipeh habe ich im Bett verbracht. Die Mischung aus Jetlag und Periodenschmerzen würde ich Niemanden für den Anfang einer Reise empfehlen. Einen Tag später geht es dafür wieder bergauf. Auf dem Shilin Food Night Market treffe ich meine alten Freunde aus Taiwan, Chocolate und Chiaoni, wieder. Zuletzt gesehen und kennengelernt haben wir uns vor sechs Jahren, im Sommer 2019, auf einem traditionellem Tanz- und Musikfestival in meiner Heimat. Als freiwillige Helferin betreute ich die Gruppe aus Taiwan; Chocolate und Chiaoni verbrachten eine Woche bei mir und meiner Familie. Am Tag ihrer Abreise erhielt ich die Einladung, sie in Taiwan besuchen zu kommen. „I promise I will come and visit you“ habe ich damals zu ihnen gesagt. Es hätte jedes Land der Welt sein können – und ich hätte trotzdem dasselbe gesagt. Das Versprechen löse ich nun endlich ein.
Beide haben heute Abend ihre Partner*innen mitgebracht. Chiaoni stellt mich ihrer Freundin Star vor und mit Google Translate können wir uns sogar ein wenig unterhalten. Star gehört dem indigenen Volk der Amis an, der mit rund 200.000 Mitgliedern größten indigenen Gruppe in Taiwan. Ursprünglich stammen die Amis von einem schmalen Streifen an der Ostküste Taiwans und sind daher größtenteils Fischer gewesen. Heute leben Star und Chiaoni an der Westküste, nahe des berühmten Alishan Nationalparks. Chiaoni tanzt mittlerweile nicht mehr. Vor zwei Jahren hatte sie einen Autounfall, der ihre Knie nachhaltig geschädigt hat. Sie arbeitet jetzt als Grafik-Designerin. Ich frage sie, ob es ihr damit gut geht. „Yes“, sagt sie strahlend und stellt sich kurz auf ihre Zehenspitzen.
Chocolate, so zumindest ihr Spitzname, kommt kurz danach mit ihrem Freund Nick zum Night Market. Gemeinsam schlendern wir los. Es ist 19 Uhr, die schmalen Straßen des Markts sind gefüllt. An einigen Ständen liegt ein säuerlicher Geruch in der Luft. Stinky Tofu, in einer fermentierten Lake eingelegt, ist in Taiwan überall zu finden.

Bis auf einige wenige vegetarische Gerichte wie gegrillte Austernpilze oder frittierte Teigbällchen aus Süßkartoffel, finden sich auf dem Markt eher Seafood und Fleischgerichte als alles andere.
Nachdem wir 90 Minuten über den Shilin Market gelaufen und meine Sinne vollkommen ausgelastet sind, fragt Chocolate plötzlich mit großem Enthusiasmus aus dem Nichts heraus: „Is he handsome?“ und zeigt auf ihren Freund Nick. „He is in the army.“ Nick bleibt eher unberührt von der unverblümten Art seiner Freundin. „Yes, he is!“, stimme ich Chocolate mit gleichem Enthusiasmus zu.

Nach zwei Stunden Shilin Food Night Market, verabschieden wir uns wieder voneinander. Mit Chiaoni verabrede ich mich für ein anderes Mal zu einem Trip in den Alishan National Park. Mit Chocolate und Nick fahre ich noch einige Stationen in der MRT, Taipehs U-Bahn. Jetzt, wo der Hustle des Markts vorbei ist, will ich noch etwas mehr über Chocolates Leben erfahren. Sie ist immer noch Tänzerin, aber hauptsächlich arbeitet sie zurzeit als Lehrerin. Morgens unterrichtet sie Mandarin und Mathe, abends Tanz. Das macht sie sieben Tage die Woche, 10 Stunden am Tag. Auf meine Frage hin, ob ihr der Job Spaß macht, zögert sie lange. Es seien zu viele Stunden, oft sei sie müde. Viel mehr ins Detail gehen können wir nicht, da die beiden bei der nächsten Station schon aussteigen müssen. Mir bleibt nur noch übrig, zu sagen, sie würde hoffentlich auf sich aufpassen. Zum Abschied bedanke mich für die schöne Zeit heute Abend. Aber dass die Menschen in Taiwan sehr viel arbeiten und wenige Urlaubstage haben, höre ich öfters.

Der Weg zurück ins Hostel gelingt mir ohne Weiteres. Die Anbindung in der Großstadt ist selbst für mich als übliche Radfahrerin echt entspannt zu verstehen.
Der Rückweg ist etwas Besonderes für mich. Ich laufe durch den Park und fühle, wie gut es mir tut, heute Abend meine Komfortzone verlassen zu haben. Den Tag über wollte ich eher alleine und für mich sein (und vor allem nichts unternehmen) und trotzdem war mir klar, dass ich mir das Wiedersehen mit den Beiden nicht entgehen lassen kann. Zurück im Hostel bin ich euphorisch. Von den neuen Eindrücken und Menschen, vom Wiedersehen alter Freunde und von dem Gefühl, das mir Taipeh gleich zu Anfang meiner Reise gibt; Hier bin ich gut aufgehoben.

5 Kommentare

  1. hayden mayer

    What a beautiful and captivating description on your reunion with Chocolate and Chiaoni! What a great time to spend together and catch up on life. I feel like I was there with you ◡̈ I hope the adventures in Alishan National Park are just as exciting!

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