Big in Japan: Okinawas Minatogawa Man, das Militär der USA und eine Woche Regen
Big in Japan: Okinawas Minatogawa Man, das Militär der USA und eine Woche Regen

Big in Japan: Okinawas Minatogawa Man, das Militär der USA und eine Woche Regen

Tage 04.-14. Mai 2025

Am 4. Mai verlasse ich Taiwan. Ich habe einen Flug nach Naha, Okinawa. Die Insel ist Teil Japans und liegt genau zwischen Taiwan und Festland Japan. Insgesamt besteht die Inselgruppe aus 160 Inseln, von denen aber nur 49 bewohnt sind. Die Gesamtbevölkerung beträgt aber immerhin etwa 1,5 Millionen Menschen. Allein in der Hauptstadt Naha leben 300.000.

Ich finde mich also auf Okinawa wieder. Um ehrlich zu sein: der einzige Grund, weswegen ich nach Japan geflogen bin, war, weil mir so viele Bekannte und Freunde davon vorgeschwärmt haben. Ich selber hatte Japan nie wirklich auf meinem Radar. Warum, weiß ich nicht. Ich war immer mehr auf Nepal, Mongolei, Taiwan oder Vietnam fixiert. Aber nun bin ich hier – und zugegeben, etwas planlos.

Eigentlich beginnt die Regenzeit auf Okinawa im Juni. Als ich aber mit dem Flugzeug lande, ist es grau und erstickend schwül. Ich schaue auf die Wetter-App. Für die nächste Zeit erstmal Regen angesagt. Das ist in Ordnung, bei Regen tun sich andere Möglichkeiten auf. So wurde aus meinem erhofften Strandurlaub eher eine historische Lernstunde. Einige schöne Überraschungen gab es trotzdem.

Valley of Gangala

Kaum befinde ich mich in Naha, habe ich auch schon wieder das Bedürfnis, die Stadt zu verlassen. Da passt es gut, dass es in der Nähe ein Naturschutzgebiet gibt, das aus Höhlen voller Stalagmiten und Stalaktiten besteht. Ein Paradies für mich als zertifizierter Höhlenfan. Nicht nur optisch, auch historisch hat der Ort was zu bieten.

Was mir erst auffällt, als ich Valley of Gangala betrete: genauso wie der Kenting Nationalpark in Taiwan, befand sich Okinawa vor Millionen von Jahren Unterwasser! Auch hier haben sich Korallenriffe in Fossilien verwandeln, auf denen heute Feigenbäume, Farne und andere wunderschöne Pflanzen wachsen.

Die beiden Höhlen in dieser Region, „Inagudo“ (Frau) und „Ikigado“ (Mann) wurden bereits vor Jahrhunderten von den Menschen aufgesucht, um hier zu beten. Im Zentrum der Gebete standen immer etwa der Wunsch nach Kindern oder Gesundheit für der eigenen Kinder.

Der Weg durch die Schlucht führte bald zu einem riesigen Feigenbaum.

Der Baum steht oben auf dem fossilen Korallenriff. Die langen Wurzeln, die bis auf den Boden wachsen, dienen ihm heute als weiteres Standbein. Schätzungsweise ist dieser „Banyan“ Baum 150 Jahre alt.

Ein fossiler Menschenfund

Der Minatogawa Man soll vor 20.000 in dieser südlichen Region auf Okinawa gelebt haben und gilt als möglicher Vorfahre der Japaner. Der Minatogawa Man ist bis heute als Ost-Asiens ältester Steinzeitfund bekannt. Forscher fanden ihn 1968 in einer Felsspalte, in der er womöglich hineingefallen ist. Aufgrund des alkalischen Kalksteins auf Okinawa, der einen pH-Wert von mindestens 7 hat, konnte der Minatogawa Man bis heute gut erhalten bleiben.
Ich stehe auf einer Aussichtsplattform der Gangalaschlucht. In der Ferne blicke ich auf das Meer, einige Häuser und Brücken. Autos fahren in verschiedene Richtungen. Es ist schon faszinierend, an einem Ort zu sein und sich vorzustellen, wie es hier früher einmal war – Forscher vermuten, in dieser Gegend noch mehr Spuren früheren Lebens zu finden.

Die USA auf Okinawa

Okinawa macht lediglich 0.6 Prozent der Landfläche Japans aus. Trotzdem befinden sich 70 Prozent aller US-Militärgruppen in Japan auf dieser Inselgruppe, die von vielen Touristen für einen Strandurlaub besucht wird.
Etwa 30.000 US-amerikanische Soldaten sind hier stationiert, dazu kommen 20.000 Familienangehörige – die Gesamtbevölkerung der Insel beträgt 1,4 Millionen Menschen.

Eine dieser US-amerikanischen Familien lerne ich kennen, als ich von Nago nach Naha per Anhalter fahre. Die meiste Zeit bin ich auf diese Art auf Okinawa unterwegs, denn die Insel ist groß, und das öffentliche Verkehrsnetz im Norden dünn. Es regnet in Strömen, als ich in ein volles Auto steige. Die Familie, die gerade von einem Ausflug wiederkommt, ist super freundlich und gesprächig. Es ist eine angenehme Fahrt, wie so ziemlich jedes Mal, wenn ich per Anhalter unterwegs bin. Sie fahren nicht ganz bis nach Naha, aber setzen mich an einer praktischen Stelle im sogenannten American Village ab, von der aus ich problemlos einen zweiten Lift bekomme. Danke euch nochmal Kaylin, Kristin, Andrew und der kleinen Ayla.

Okinawa im zweiten Weltkrieg

Es war der 1. April 1945, als die USA mit mehr als 1.600 Schiffen und 350.000 Marinesoldaten Okinawa angriffen. Die „Schlacht um Okinawa“ gilt als der größte amphibische Angriff des Zweiten Weltkriegs.

Okinawa war zu der Zeit die letzte Barriere zwischen den USA und Japan. Die USA gewann den Angriff und konnte somit alle Kräfte gegen Japan einsetzen. Es kam zu unkontrollierten Luftangriffen und Blockaden logistisch wichtiger Gebiete.
Zwei Monate dauerte diese Schlacht an. Am Ende zählten die USA um die 12.000 tote Soldaten und 70.000 Verletzte. Japan verlor mehr als 110.000 der 122.000 Soldaten auf Okinawa. Die Zahl der toten Zivilisten beträgt ebenfalls etwa 100.000. Die Schlacht um Okinawa ist eine der blutigsten des Pazifikkriegs gewesen.

Von 1945-1972 stand die Insel unter direkter US-Verwaltung. Erst danach wurde Okinawa wieder an Japan übergeben. Die Stützpunkte hingegen sind geblieben – und haben noch heute Auswirkungen auf die Bevölkerung.

Die Inselbevölkerung wünscht sich schon lange, dass die USA ihre Zahl der Streitkräfte auf Okinawa verringert. Die größte US-Luftwaffenbasis befindet sich in Kadena. Hier werden jedes Jahr 70.000 Starts und Landungen gezählt. In der Vergangenheit waren einige der US-Soldaten auch für Straftaten verantwortlich. Sie waren an Verkehrsunfällen beteiligt, an Schlägereien, Einbrüchen und Vergewaltigungen. Vor dreißig Jahren wurde ein 11-Jähriges Mädchen von drei Soldaten vergewaltigt. Dieses Ereignis hat sich in das kollektive Gedächtnis der Menschen eingegraben.

Ich kann nicht beurteilen, wie die Situation aktuell auf Okinawa ist. Dafür habe ich zu spät von der Vergangenheit erfahren. Aber in Zeitungsartikeln lese ich davon, dass es immer wieder Proteste vonseiten der japanischen Bevölkerung gibt: (https://www.fr.de/politik/die-angst-auf-okinawa-92656474.html#), (https://www.dw.com/de/50-jahre-okinawa-rückgabe-enttäuschte-hoffnungen/a-61784343)

Heute wird Okinawa von manchen Menschen als eine Kolonie in einer postkolonialen Zeit beschrieben. 70 Prozent der Inselbevölkerung ist heute gegen die US-Truppen. Doch die japanische Regierung beachtet die Forderungen nicht. Denn die Stützpunkte der USA bilden immer noch ein Fundament der Sicherheitsallianz mit den USA. Okinawa dient als ein unangreifbarer US-Vorposten in Asien – gegen die Atom- und Raketenrüstung von Nordkorea und einen Angriff von China auf Taiwan.

Die Kokusai Street in Naha, der Hauptstadt Okinawas ist ein Hotspot für Touristen und Urlauber – und fühlt sich auf eine merkwürdige Weise wie eine japanische Version von Kalifornien in den 70er Jahren an.

Eine Woche Regen

Von den zehn Tagen, die ich auf Okinawa verbringe, regnet es die meiste Zeit. Das ist schon irgendwie in Ordnung für mich – obwohl die Insel eher zum Baden und Schnorcheln geeignet ist. Aber da ich währenddessen das Feedback meiner Bachelorarbeit erhalte – ich publiziere sie nämlich in einem wissenschaftlichen Magazin – kann ich die Zeit mit durch das Bearbeiten auch so gut rumkriegen.

Ein kleines bisschen von den schönen Seiten der Insel kann ich dann aber auch erfahren. Wenn die Sonne scheint, verwandelt sich das sonst eher graue Meer in einen intensiven Türkiston.

Ich verbringe zwei Nächte in einem schönen Hostel relativ weit oben im Norden – umgeben von einem tropischen Wald mit Mangobäumen und einem Lagerfeuerplatz. Mein Zimmer teile ich mir mit einer anderen Deutschen. Sie heißt Jenny und zusammen leihen wir uns die beiden Fahrräder unseres Hostels und machen eine Tour zur nahegelegenen Kouri-Insel, wo diese Fotos entstehen.

Um irgendetwas zu finden, was ich bei regnerischen und windigem Wetter unternehmen kann, suche ich auf Reddit Foren nach Ideen und Möglichkeiten – und werde fündig. In der nächstgrößeren Stadt, Nago, gibt es eine Reggaebar. Ich buche also ein Hostel, das ausnahmsweise mal so aussieht, als würden auch andere Reisende dort sein.

Die Reggaebar stellt sich als ganz in Ordnung heraus. Das Beste an dem Abend sind die Menschen, mit denen ich dort bin, unter anderem zwei Engländer- Elliot und Ollie – die gemeinsam reisen.

Tatsächlich ist das Beste an meinem gesamten Okinawatrip die Menschen, mit denen ich dort bin. Und einige von Ihnen treffe ich zu späteren Zeitpunkten an anderen Orten sogar wieder.

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