Big in Japan: Clubkonzerte und ein 50 Jahre altes Café
Big in Japan: Clubkonzerte und ein 50 Jahre altes Café

Big in Japan: Clubkonzerte und ein 50 Jahre altes Café

Tage 01. und 03. Juni 2025

Osaka.

Der Weg zum Club führt mich durch eine der überdachten Einkaufspassagen, die man in Japan einfach überall findet. Der Eingang ist unauffällig – ohne die schwarze Tafel, die auf der Straße aufgestellt ist, wäre ich direkt daran vorbeigelaufen. In bunter Kreide steht „Para-dice“ darauf geschrieben, der Name des Clubs. Darunter „live music“, und die Bands, die heute dort auftreten. Die Tafel also führt mich links in eine Gasse hinein, von wo ich schon das stumpfe Wummern der Band höre. Eine kleine Wendeltreppe führt hinunter in einen Keller. Viel weiter komme ich aber nicht. Auf den schmalen Stufen der Treppe sitzt ein Mann, der die Tickets für den Einlass verkauft. Ich muss in die Hocke gehen, um ihm zu sagen, dass ich ein Ticket für heute Abend kaufen möchte. Er fragt mich, welche Band ich denn sehen möchte. „Lone Otter“, ganz klar.

Die Person, die mich in diesen Club eingeladen hat, Jason, hatte mir zuvor eine Nachricht geschrieben. Dass man mir am Club diese Frage stellen würde, und welche Band ich daraufhin nennen soll.

Ich kenne Jason nicht. Es fühlt sich wie ein Blind Date an, ihn hier zu treffen, ohne ihn jemals zuvor gesehen zu haben. Nur, dass es keins ist. Meine Freundin und frühere Mitbewohnerin Hayden hatte uns miteinander in Verbindung gebracht. Jason lebt in Osaka, ich wollte nach Osaka. Ergibt nur Sinn, Freunde von Freunden zu treffen.

Das Ticket kostet mich 2.000 Yen, umgerechnet etwa 12 Euro. Ein Getränk ist mit einberechnet. Der Ticket-Mann legt mir eine Getränkeliste vor und ich soll entscheiden. Ich nehme ein Bier, Sapporo, mein Go-to Getränk in Japan. Das Bier hier schmeckt anders, stärker als die Biere aus anderen asiatischen Ländern wie Indonesien oder Taiwan. Besonders das Sapporo, aus der gleichnamigen Stadt der nördlichen Insel Hokkaido, hat es mir angetan.

Mit meinem Ticket in der Hand steige ich die restlichen Treppenstufen hinab zu einer schweren Tür im satten Gelbton. Den großen Türgriff muss ich kräftig runterdrücken, um in den etwa 30 Quadratmeter schmalen Club zu gelangen. Die Schwere der Tür löst bei mir das Gefühl aus, eher einen Bunker zu betreten, als ein Lokal, in dem japanischen Bands auftreten. 

Der Club ist in leichtem Licht gekleidet, was angenehm wirkt. Die Musik jedoch in dem ersten Moment ist so laut, dass meine Ohren es schmerzlich zu spüren bekommen. Ich schaue mich um, halte Ausschau nach Jason, und bahne mir vorsichtig den Weg zur Bar. Der Raum ist schlicht gehalten, aber die vielen Sticker an den Wänden und der Theke fallen mir sofort positiv ins Auge. Im Halbdunkeln schaut mich plötzlich jemand mit fragenden Augen und dem dazugehörigen Lächeln an – und zeigt mit dem Finger auf mich. Die darauffolgende Umarmung ist herzlich, obgleich unbekannt.

Ich freue mich extrem, hier zu sein. Heute ist der erste Tag, an dem ich mich einigermaßen okay fühle, nachdem ich über eine Woche mit einer Erkältung zu kämpfen hatte und vier Tage in meinem Hotelzimmer in Osaka von Netflixserien und 7/11 Mahlzeiten gelebt habe. Ich spüre, ich muss unbedingt wieder raus ins Leben. Live-Musik und nette neue Menschen scheinen da genau das Richtige zu sein.

Jason stellt mich direkt seiner Freundin Lin vor und wir reden kurz, aber mit der intensiven Lautstärke der Musik beschränken sich unsere Unterhaltungen eher auf die Pausen zwischen den einzelnen Auftritten.

Die Musik der ersten Bands klingt interessant.

Sie treffen meinen Geschmack nicht ganz, ich war noch nie Fan von experimenteller Kunst (hate me if you want). Aber ich habe mal wieder die Musik auf Spotify rausgesucht, zumindest eine Band gefunden und ihren – für mich – besten Song.

Die für mich beeindruckendste Band des Abends, ist die, die ich bereits am Anfang genannt habe: Lone Otter. Das Frauen-Trio spielt als letzte Band – und begeistert mich einfach nur. Es besteht aus einer Keyboarderin, einer Schlagzeugerin und einer Sängerin mit Elektro-Ukulele, dessen Stimme klar und sanft durch die Lautsprecher klingt.

Lone Otter

New Louvre

Für ein Café fahre ich 40 Minuten mit dem Zug durch Osaka. Das New Louvre gibt es schon seit 50 Jahren und wird von einem alten Pärchen bewirtschaftet. In strömenden Regen komme ich an dem Ecklokal an, wo die Besitzerin gerade die Fensterscheibe der Eingangstür putzt.

Das Café ist in dunklen Tönen getränkt. Die Wände sind eine Mischung als Gold und Braun, Tische und Stühle aus dunklem Holz. Ich nehme den Geruch von Zigaretten in der Luft war, als ich mich auf die Bank aus braunem Leder setze. Vor mir auf dem viereckigen Tisch steht ein Aschenbecher mit einer grünen Streichholzschachtel. Mein Blick geht auf die Theke, die von außen mit kleinen roten Kacheln versehen ist. Jetzt nehme ich die Musik wahr, die ganz leise und bescheiden aus der Ecke mit Lautsprechern läuft. Ich kenne das Lied zwar nicht, aber es klingt in meinen Ohren nach Musik aus den 1940er Jahren.

Dann fällt mein Blick hinter die Theke, auf die übertrieben große Sammlung an Dekoration, die typisch für alte Menschen ist. Ein ausgestopften Fasan hängt hoch oben an der Wand. Ein kleiner Plastikweihnachtsmann wackelt vor sich hin. Ein hölzernes Spielzeugpferd. Mehrere Schwanenfiguren. Eine Pendeluhr.

Mit meinem Telefon übersetze ich das Menü ins Englische. Ich bestelle mir einen Cappuccino, wie immer, und das Egg-Toast, auf das ich mich bereits auf den Weg hierher gefreut habe.

Der Kaffee wird in einem Syphon mithilfe einer Unterdruckmethode zubereitet. Der Vorgang erinnert eher an den Chemieunterricht in der Schule als alles andere, aber ich bin begeistert. Auf dem Bild oben kann man Teile des Syphons erkennen, direkt über der Theke.

Nicht mit Milch oder Schaum kommt der Kaffee an meinen Tisch, sondern mit gesüßter Schlagsahne und Zimt. In der hübsch gemusterten Tasse schmeckt der Kaffee so, als wäre ich gerade bei Oma zu Besuch. In etwa bin ich das ja auch.

Mittlerweile haben sich drei ältere Männer an die Theke gesetzt und trinken ihren schwarzen Kaffee, während sie sich durch die Tageszeitung lesen.

Dann kommt auch schon mein Essen. In einer rechteckigen Pfanne hat die alte Dame mein Omelette zubereitet, in welches sie eine Scheibe Weißbrot reingelegt hat. Das Ganze wird einige Male geflippt, sodass das Brot von allen Seiten mit dem Omelette belegt ist. Dazu bekomme ich japanische Mayonnaise. Schmeckt verdammt gut.

Der Kaffee haut mich ordentlich weg, da lässt sich die alte Frau nichts nehmen. Ich genieße noch etwas die Atmosphäre und lese mein Buch, bis ich bezahle. Erst als ich ihr ein paar Scheine in die Hand drücke, fällt mir auf, wie klein die Ladenbesitzerin ist – ich bin locker zwei Köpfe größer als sie.

Mit meinem Regenschirm in der Hand, unendlich viel Energie durch den Kaffee und guter Laune, verlasse ich das New Louvre, und steige kurz darauf wieder in den Zug ein.

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