1975 übernahm in Kambodscha die kommunistische Terrorgruppe der Roten Khmer die Macht. Innerhalb der nächsten vier Jahre töteten sie mehr als 1,7 Millionen ihrer eigenen Bevölkerung.
Das Gefängnis in Phnom Penh und die Killing Fields kann man heute besuchen, um über die Geschichte zu lernen. Auf dem ehemaligen Schulgelände läuft man mit einem Audioguide durch die Räume, wo Menschen zu Geständnissen gezwungen, brutal gefoltert, angekettet und ermordet wurden. Nur etwa ein Dutzend Menschen überlebten die dieses Gefängnis, von denen es im ganzen Land Hunderte gab. In dem Museum ist es still. Die Besuchenden lassen sich Zeit beim Betreten der einzelnen Zimmer. Sie hören der Stimme in ihren Kopfhörern interessiert zu, während sie sich die Bilder der damals ermordeten Kambodschanerinnen und Kambodschaner anschauen.

Der Beginn
Als 1963 die kommunistische Studentenbewegung der Roten Khmer in Paris entstand, ist die Stimmung im Heimatland Kambodscha schlecht. Das Land ist bereits seit zehn Jahren unabhängig, aber die Bevölkerung wütend auf die korrupte Regierung. Einer der kambodschanischen Studenten, der sich in Paris der Bewegung anschließt, ist Saloth Sar. Sein Vorbild ist der Diktator Mao Zedong in China (1), dessen Bauernrevolution und Kulturrevolution schätzungsweise 55 Millionen Menschen das Leben kostete (2).
Saloth Sar wird sich später Pol Pot nennen und für die Tötung von 30 Prozent seiner eigenen Bevölkerung verantwortlich sein (3).
Die Gruppe aus Kambodscha schließt sich mit den kommunistischen Nordvietnamesen zusammen. Anfangs teilen sie noch die gleichen Interessen. Gemeinsam gelingt es den unerfahrenen Kambodschanern, große Teile Kambodschas unter ihre Kontrolle zu bringen. Doch ab 1973 kämpfen die roten Khmer alleine – die kommunistischen Vietnamesem, mit denen sie nur ein paar Jahre zuvor gemeinsame Ziele verfolgten, entfernen sich von ihnen. Die Anschauungen der Kambodschaner wird ihnen zu extrem. Das ursprüngliche Ziel, die Amerikaner aus Südostasien zu vertreiben, gelingt nicht (4).
Am 17. April 1975 nehmen die roten Khmer Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh ein. Zuerst hofft die Bevölkerung auf Verbesserung und Rettung. Doch nur innerhalb weniger Tage werden 3.5 Millionen Menschen aus den Städten aufs Land vertrieben. Pol Pots Ziel der „Gleichheit der Menschen“, soll durch einen autarken, radikal kommunistischen Bauernstaat erreicht werden. Die Gesellschaft wird komplett umgerissen (5).
Es handelte sich um einen Genozid im soziologischen Sinne, so sagen Experten. Die roten Khmer wollten die Vernichtung von Gemeinschaft an und für sich für die sozialistische Utopie eines Bauernstaats, denn „um eine neue Gesellschaft errichten zu können, müssen neue Menschen geschaffen werden“ (6).
Das Terrorregime folgt
Städte sind bald wie ausgestorben. Die Menschen leben nun auf dem Land und arbeiten für die Landwirtschaft. Privatbesitz, Geld und freien Handel gibt es nicht mehr. Die Arbeit wird nun von den roten Khmer streng überwacht. Viele Menschen verdursten oder verhungern.
Um sicherzustellen, dass sich niemand gegen die roten Khmer wehren kann, inhaftiert und tötet die Armee systematisch Menschen aus ihrem eigenen Volk. Allein in dem Gefängnis Tuol Sleng in Phnom Penh, einer ehemaligen Schule, werden 20.000 Menschen eingesperrt und gefoltert. Viele von ihnen werden der Spionage für die CIA verdächtigt (7). Fast alle sterben durch Folter. Nur etwa ein Dutzend Menschen überleben das Gefängnis und konnten über ihre Erfahrungen sprechen.
Frauen werden vergewaltigt und gezwungen, die Kinder ihrer Vergewaltiger auszutragen, um eine rein kambodschanische Gesellschaft herzustellen (8).
Intellektuelle stellen angeblich eine Gefahr da. Jede Form von Bildung oder Technologie wird verdächtigt. Menschen mit Uniabschlüssen, Fremdsprachenkenntnissen oder Kontakten ins Ausland werden inhaftiert und getötet. Allein die Fähigkeit, zu lesen und zu schreiben oder das Tragen einer Brille bedeutet den Tod (9).
Die Armee tötet so viele Menschen in kurzer Zeit, sodass sie, um Munition zu sparen, die Menschen brutal mit Eisenstangen erschlagen. Dafür werden so genannte Killing Fields errichtet. Die Massengräber, die es in ganz Kambodscha gab, waren bis zu fünf Meter tief (10). In den nächsten vier Jahren sterben rund 2 Millionen Menschen.
Das Ende der Herrschaft
1978 startete Kambodscha einen Krieg gegen Vietnam. Die Armee aber war aufgrund der zerstörerischen Führung der roten Khmer schwach und ausgehungert. So war es leicht für die vietnamesische Armee, am 07.01.1979 Phnom Penh einzunehmen und die Mitglieder des Terrorregimes in den Urwald zu vertreiben (11).
Dort leben die Anhänger verdeckt weiter und terrorisieren noch bis 1996 das Land mit Bürgerkreigen, der Ermordung von Zivilisten und UN-Soldaten (12).
Die Prozesse
Erst rund 30 Jahre nach dem Genozid starten die Prozesse gegen die Verantwortlichen des Genozids. Einer der Hauptäter, Kaing Guek Eac, bekannt als Duch, war an der Tötung von mindestens 14.000 Menschen beteiligt (13).
Einer der ersten Funktionäre, Gek-Iew Kang, ironischerweise ehemaliger Mathelehrer, argumentierte in seinem Prozess wie der damalige SS-Führer Adolf Eichmann. Er habe lediglich Befehlen gehorcht und habe keine Altenative gehabt (14).
Pol Pot, der Anführer der roten Khmer, starb am 15.04.1998 an der Grenze zu Thailand. Am selben Tag soll er informiert worden seien, an die USA ausgeliefert zu werden. Er wurde nie für Seine Verbrechen zur Verantwortung gezogen (15).
Die Lage in Kambodscha heute
In der Gesellschaft und innerhalb der Familien fehlt es an Bildung und Diskur über das, was passiert ist (16). Die Leugnung des Genozids steht erst seit 2025 unter Strafe (17).
Die Bevölkerung leidet heute noch unter der Vergangenheit. Etwa 20 Prozent haben eine Posttraumatische Belastungsstörung (18). Jede Familie hat mindestens ein Mitglied durch den Genozid verloren (19).
Wer heute nach Kambodscha reist, wird sehr wahrscheinlich auch das Museum Tuol Sleng in Phnom Penh besuchen, um über den Genozid zu lernen. Viele Schulen in Kambodscha haben aber keine Ressourcen, um Ausflüge in das Museum zu machen (20). Auch im Unterricht wird das Thema nicht ausreichend behandelt. Selbst heute greifen Teile der kambodschanischen Bevölkerung auf einfache Erklärungen zurück, in denen es zum Beispiel heißt, dass insgeheim die Vietnamesen für den Genozid verantwortlich seien (21).
Die Regierung heute
Laut Verfassung ist das Land seit 93 eine konstitutionelle Monarchie mit einem demokratischen Mehrparteiensystem. Es wird seit Jahrzehnten von der kambodschanischen Volkspartei CPP regiert. Ihr größtes Ziel sei Frieden und Stabilität (22). Die Regierung in Kambodscha ist aber korrupt und repressiv. Unabhängige Tageszeitungen wie Cambodia Daily mussten auf Druck der Regierung hin schließen (23). Die Regierung unterdrückt Kritiker. Die Meinungs-, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit ist stark eingeschränkt und erst 2023 übergab Regierungschef Hun Den die Macht an seinen Sohn Hun Manet. Die Justiz wird von der Regierung als Instrument der Machtsicherung genutzt (24).
Die Hoffnung vieler liegt heute auf der jungen Bevölkerung. Der Altersdurchschnitt im Land liegt bei 22 Jahren. Aber für eine Aufarbeitung und Erinnerungskultur muss über das Geschehene gesprochen werden.
Quellen
(1) https://www.rbb-online.de/doku/f-g/genossen-brueder-killing-fields.html
(2) https://www.deutschlandfunk.de/chinesische-geschichte-neuer-blick-auf-mao-zedong-und-seine-100.html
(3) https://www.planet-wissen.de/kultur/asien/kambodscha/pwiedierotenkhmer100.html
(4) https://www.planet-wissen.de/kultur/asien/kambodscha/pwiedierotenkhmer100.html
(5) https://www.planet-wissen.de/kultur/asien/kambodscha/pwiedierotenkhmer100.html
(6) https://www.deutschlandfunk.de/40-jahre-nach-dem-genozid-aufarbeitung-des-voelkermords-der-100.html
(7) https://www.propeace.de/de/gesichter-eines-genozids
(8) https://www.boell.de/de/2018/11/19/urteilsverkuendung-im-rote-khmer-prozess-geschlechterpolitik-machte-auch-hier-einen
(9) https://www.propeace.de/de/gesichter-eines-genozids
(10) https://www.deutschlandfunk.de/40-jahre-nach-dem-genozid-aufarbeitung-des-voelkermords-der-100.html
(11) https://www.planet-wissen.de/kultur/asien/kambodscha/pwiedierotenkhmer100.html
(12) https://www.planet-wissen.de/kultur/asien/kambodscha/pwiedierotenkhmer100.html
(13) https://www.deutschlandfunk.de/40-jahre-nach-dem-genozid-aufarbeitung-des-voelkermords-der-100.html
(14) https://www.deutschlandfunk.de/40-jahre-nach-dem-genozid-aufarbeitung-des-voelkermords-der-100.html
(15) https://www.n-tv.de/politik/Pol-Pots-Tod-gibt-in-Kambodscha-bis-heute-Raetsel-auf-article24052748.html
(16) https://www.deutschlandfunk.de/40-jahre-nach-dem-genozid-aufarbeitung-des-voelkermords-der-100.html
(17) https://www.bpb.de/themen/kriege-konflikte/dossier-kriege-konflikte/54786/kambodscha/
(18) https://www.bpb.de/themen/kriege-konflikte/dossier-kriege-konflikte/54786/kambodscha/
(19) https://www.deutschlandfunk.de/40-jahre-nach-dem-genozid-aufarbeitung-des-voelkermords-der-100.html
(20) https://www.propeace.de/de/gesichter-eines-genozids
(21) https://www.deutschlandfunk.de/40-jahre-nach-dem-genozid-aufarbeitung-des-voelkermords-der-100.html
(22) https://www.bmz.de/de/laender/kambodscha/politische-situation-16082
(23) https://www.bpb.de/themen/kriege-konflikte/dossier-kriege-konflikte/54786/kambodscha/
(24) https://www.bmz.de/de/laender/kambodscha/politische-situation-16082