Mit dem Roller einmal um Taiwan: Die Insel des Tao-Volkes
Mit dem Roller einmal um Taiwan: Die Insel des Tao-Volkes

Mit dem Roller einmal um Taiwan: Die Insel des Tao-Volkes

12. April 2025

Zwischen rissigen Straßen, steinigen Felswänden, wilden Katzen, Hunden und freilaufenden Ziegen finden sich die Menschen des indigenen Volkes der Tao.


Zur Lanyu Insel, die südöstlich von Taiwan liegt, gelangt man mit einer dreistündigen Fährfahrt. Auf dieser Fähre befand ich mich. Bereits am Hafen spürte ich den kräftigen Wind, der von Süden nordwärts wehte. Als ich dann sah, wie stark die Fähre schon im Hafen schaukelte, zweifelte ich meine Entscheidung, spontan auf die Insel zu fahren, kurz an. Natürlich hätte ich vorher die Wetterbedingungen checken können. Also selbst Schuld. Aber ich hatte Reisetabletten im Gepäck. Sollte also eigentlich gut gehen. Dass es nicht gut gehen würde, merkte ich, sobald die Fähre den Hafen verließ. Während ich mit einfachen Tricks – wie den Blick auf den Horizont halten – versuchte, der Übelkeit keine Chance zu lassen, verkrampften meine Finger bereits zehn Minuten nach Abfahrt. Mit Händen, die sich weder öffnen noch schließen lassen, saß ich also da und versuchte mich, irgendwie an meinem Sitz festzuhalten. Währenddessen versuchten andere Passagiere, die Toiletten aufzusuchen. Vergeblich, denn sie landeten entweder mit einem Knall auf dem Boden oder auf dem Schoß einer fremden Person. Mir war klar; ich bewege mich in den kommenden 170 Minuten nicht von diesem Sitz.


Es ist schwierig, zu beschreiben, wie stark dieses Boot geschwankt hat. Das Einzige, woran ich noch denken konnte war, dass ich jetzt auf diesem Boot gefangen und nicht mehr runter kann, bis wir in den Hafen der Insel einsteuern. Also Augen zu und durch. Erst am Abend darauf erfuhr ich, dass an dem Tag Sturmböen mit 70 km/h über den Ozean zogen. Diese Fährfahrt war – um einfach zu sagen, wie es ist – eine Kotzfahrt des Grauens. Für mich, aber auch für etwa die Hälfte der anderen Passagiere. Ich kann nicht genau sagen, wie viele betroffen waren, da ich mich davor fürchtete, mir diesen Albtraum an Bord genauer anzusehen. Meine restlichen Sinne hatten davon schon mehr als genug aufgenommen.
Mit plötzlichem starken Nasenbluten auf der Fahrt kam bei mir schließlich auch ein Gefühl von Angst einher. Auch, wenn ich eigentlich weiß, dass bei zu viel Druck mal eine kleine Ader platzen kann und das nichts Wildes ist. Jedenfalls war ich meinem fremden Retter zwei Reihen hinter mir unglaublich dankbar, als er mir mit einem Blick aus Mitleid unerbittlich Taschentücher nach vorne reichte, bis die Blutung aufhörte.

Rückblickend ist die ganze Situation absurd gewesen. Noch nie habe ich erlebt, wie so viele Menschen auf so engem Raum so Frei und ergiebig gekotzt haben. Ich hätte auch nicht erwartet, dass es mir so leicht fallen würde, mich da einzureihen.

Das Gefühl der Erleichterung war selten größer als in dem Moment, als ich die großen Steine vor Lanyu Islands Hafen sah. Nach meiner Ankunft und einem kleinen Heulanfall war ich dann mehr oder weniger bereit, zu meinem Hostel zu fahren. Ich trocknete meinen Roller, den ich mit auf die Fähre brachte und rollte los. Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder wissentlich so eine Fährfahrt auf mich nehmen würde, aber als ich die Straße entlang der Küste fuhr und die Berge auf der anderen Seite emporragten – da war ich schon froh, hier zu sein.


Ein unerwarteter Ausflug

Piwalaman. Der Name meines Hostel bedeutet auf der Sprache des Tao Volkes „Ein Ort zum Ausruhen“, erklärt mir der Besitzer, als wir abends mit Bier und Zigaretten auf kleinen Plastikstühlen zusammensitzen. Getrunken wir amerikanisches Bier, Bush. Geraucht werden entweder Menthol-Zigaretten oder Winston. Als sie meine Packung Zigaretten sehen, West Blue, sagen sie, die würden nur alte Männer rauchen. Weil sie so günstig sind.
Von Besitzer des Hostels und seinen Freunden werde ich gefragt, wieso ich auf diese Insel gekommen bin. Lanyu sei sehr abgelegen vom Rest Taiwans, beliebter sei die Nachbarinsel Green Island. Touristen gebe es hier schon, nur nicht so viele ausländische. Ja, warum bin ich eigentlich hier? Ich möchte gerne unterschiedliche Ecken des Landes kennenlernen. Außerdem schwärmen manche Menschen von diesem Ort und seiner wilden und rauen Seite.

In vielen Quellen steht, die Tao seien vor etwa 800 Jahren von den Batan-Inseln auf den Philippinen zur Lanyu-Insel migriert. Jedoch erzählen mir die Einheimischen hier, es sei andersherum geschehen. Lanyu ist ihre Heimat, ihre Identität. Was es damit genauer auf sich hat, das werde ich hoffentlich in den kommenden Tagen noch herausfinden.


Es ist ungefähr 22:30 Uhr, als ich eingeladen werde, mit meinen neuen Trinkfreunden raus aufs Riff zu gehen. Sie wollen Muscheln, Krebse und Seeigel sammeln. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen und bin sofort dabei.
Mit Schwimmschuhen und Kopflampe ausgestattet, laufen wir zu fünft los. Obwohl der Vollmond zwischen dem dünnen, löchrigen Teppich aus Wolken hervorsticht, kann ich auf den spitzen Steinen des Riffs kaum zwei Meter vor mir sehen. Ich selber finde keine Muscheln oder andere Tiere. Stattdessen bleibe ich an jeder Steinspalte stehen und bewundere, wie sich die Wassermassen zwischen die Felsen drücken. Dabei entsteht jedes Mal ein zischendes Geräusch, das so klingt, als würde das Meer atmen. Möglicherweise durch Hohlräume oder platzende Blasen im Gestein.

Nach einer Weile kommen die ersten Erfolge. Seeigel werden mit Handschuhen vorsichtig vom Boden aufgehoben und in eine Plastiktasche gelegt. Sie bewegen ihre Stacheln so sehr, dass man es sogar an den Griffen der Tasche spüren kann. Die Muscheln werden manchmal mit der Hand von den Steinen abgezogen, an denen sie sich festgesaugt haben. Häufiger nutzen die Leute hierfür aber etwas, das aussieht wie eine übergroße Häkelnadel.

Auf einem Stein hält eine der Frauen mit einer Zange einen Seeigel fest. Mit einer anderen Zange schlägt sie ihm die Stacheln ab. Dann wird der Körper aufgeschlagen, um das bisschen darin vorhandene Fleisch hervorzuholen.

Wie bei so vielen Meereskreaturen wissen wir auch über Seeigel nicht genug. Aber wir wissen, dass ihre Stacheln ihnen zur Verteidigung und Fortbewegung dienen. Seeigel reagieren auf Berührung. Sie können hell und dunkel unterscheiden, obwohl sie keine Augen besitzen. Sie können riechen und schmecken. Ihr Mund, der „Aristoteles Laterne“ heißt, besteht aus fünf Zähnen und kann sich sogar durch Felsen kratzen. Als stille und interessierte Beobachterin habe ich mich hier etwas wie eine Reporterin bei MareTV gefühlt – ich konnte kaum erwarten, später darüber zu schreiben. Was den Umgang mit den Seeigeln (und Muscheln, Krebsen und Tintenfischen) angeht; ethisch ist er nicht. Aber das sind unsere Massenindustrien für Fleisch-, Milch- oder Eiprodukte in Deutschland auch nicht. Ich möchte also nicht mit dem Finger auf andere zeigen, während das eigene Land nicht besser mit Tieren umgehen kann.

Zurück im Hostel gibt es mehr Bier und Zigaretten. Die Krebse und Seeigel werden mit einer Soße aus Sojasauce und Wasabi gegessen und, zugegeben, zusammen mit dem Bier schmeckt es lecker. Seeigel schmeckt salzig und überraschend zart.

Ellie, die ebenfalls im Hostel arbeitet, ist 41 Jahre alt und hat drei Kinder. Ihr ältester Sohn macht in Taitung eine Ausbildung zum Soldaten. Ellie erzählt mir, dass sie jeden Abend so zusammensitzen, Bier trinken, gemeinsam Essen und Quatsch reden. Sie alle wirken sehr zufrieden, was möglicherweise auch am Alkohol liegen könnte. Aber als ich die Leute frage, wie das Inselleben für sie ist, antworten alle positiv und begeistert. „Wir stehen mehr in Verbindung mit der Natur und wir nehmen uns nur, was wir brauchen von ihr. Wir bauen keine Wirtschaft damit auf“, erklärt der Besitzer des Hostels. Eine andere sagt, sie möchte nie von dieser Insel weggehen.

13.-15. April 2025 kommt…

4 Kommentare

  1. Cord

    Hi Henny

    Wie schön, wieder von dir zu hören. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht. Vielleicht nicht ganz ohne Grund, wenn ich von der Fährfahrt lese. Sic!
    Wie schön auch, dass deine Reise dir genau das bringt, was und wie du es dir erhofft hast. Horizonte, die sich weit hinaus schieben. Wunderbar.

    LG Cord

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