In Indonesiens Westen: Fünf Tage bei dem Mentawai-Stamm Part III
In Indonesiens Westen: Fünf Tage bei dem Mentawai-Stamm Part III

In Indonesiens Westen: Fünf Tage bei dem Mentawai-Stamm Part III

Anfang Oktober 2025

Nach dem ersten Kaffee kratze ich mit einer Machete das restliche Fleisch von der Schlangenhaut. Schon früh am Morgen wurde ich von lauten Stimmen geweckt. Letzte Nacht hat eine Schlange die Hühner angegriffen. Mit Pfeil und Bogen wurde sie erlegt und die Hühner von weiteren Opfern gerettet.

Aber kein Tier wird einfach so getötet, ohne weiteren Nutzen zu haben. Unser Guide Robi steht neben mir im flachen Wasser des Flusses, als er mir erklärt, dass die Haut der Schlange für eine Trommel benötigt wird. „So bekommt das Tier noch einen Nutzen, nachdem man es töten musste“, sagt er. Die Trommeln werden nur für Rituale genutzt, nie in Alltag.

  

Der Glaube des Animismus

Im Gegensatz zum Rest der indonesischen Bevölkerung, die größtenteils muslimisch und christlich ist, glauben die Mentawai an den Animismus. Der Glaube besagt, dass Alles auf der Welt eine Seele hat – ob Mensch, Tier, Pflanze oder Stein.

Wenn also ein Tier getötet wird oder ein Baum gefällt, handeln die Mentawai nach dem Zero-Waste Prinzip. Aus dem Blut eines Huhns wird beispielsweise eine Suppe gekocht und die Wurzeln eines Baumes sind Medizin gegen Krankheiten und Verletzungen. Die Schädel der getöteten Tiere, wie Affen oder Wildschweine, hängen in der Uma vor dem Eingang der Küche; als Zeichen der Dankbarkeit und Respekt. 

Hier lernen wir, wie man aus dem Holz eines Baumes ein Tuch herstellt, das später um den Körper getragen werden kann. Dafür wird mit einem Stock so lange geklopft, bis es weich ist und geformt werden kann.

Wer führt uns hier in den Dschungel?

Ohne unsere Guides würde diese Erfahrung nur halb so lehrreich sein. Jede Frage zu den Menschen hier, ihre Vergangenheit, ihre Geschichte und Kultur kann Robi beantworten – und davon bekommt er jeden Tag Einige. Robi ist 29 Jahre alt. Er ist auf der Insel geboren und aufgewachsen. Im Mentawai-Tourismus arbeitet er schon seit 2011 – da war er gerade mal 16.

Boni ist 23 Jahre alt. Auch er gehört zum Volk der Mentawai. Auf dieser Tour ist er der Koch – er arbeitet aber auch als Tattoo-Artist. Die traditionelle Mentawai-Technik, die als eine der ältesten der Welt gilt, hat er sich selber beigebracht. So wird es immer gemacht bei dem indigenen Volk. Ein junger Mann, der das Tätowieren lernen möchte, übt zuerst an sich selbst, bevor er die Mitglieder des Stammes tätowieren darf. Jedes Tattoo an seinem Körper hat er sich selbst gestochen. Dafür wird heute eine Tättowiernadel an einem extra angefertigten Stock befestigt. Früher hat man anstelle der sterilen Nadel eine Dorne benutzt.

Bei den Mentawai trägt jede Person Tattoos, die auf der Sprache der Mentawai „Titi“ genannt werden. Die Symbole repräsentieren den Alltag der Menschen. Es gibt Symbole für Sonnenaufgang- und Untergang, Haken und Pfeile stehen für das Jagen, andere Muster stellen wichtige Materialien wie Rattan dar oder deuten auf das traditionelle Heim, die Uma, hin.  Besonders die Schamanen und ihre Ehefrauen sind am gesamten Körper tätowiert. Sie dienen auch nach ihrem Tod noch als Wegweiser in einer anderen Welt.

Salim ist Bonis Cousin. Mit 20 Jahren ist er der Jüngste. Er war während unseres Trips überall dabei. Er half beim Kochen und Tätowieren. Im Dschungel die Sagopalmen aufzuschlagen und nach den Larven zu suchen, fiel ihm unglaublich leicht. Salim suchte mit uns im Fluss nach Fischen und zog mich aus dem Schlamm, als ich im Dschungel bis zum Knie darin stecken blieb.

Ein Gespräch über Heirat

Wir sitzen in einer kleinen Holzhütte umgeben von Bananen- und Kokosnusspalmen. Salim schlägt gerade Kokosnüsse auf, als ein Mann der Mentawai anfängt, zu erzählen. Er heißt Aman Reckon. Früher hieß er anders. Nach der Geburt seiner ersten Tochter erhielt er seinen heutigen Namen, der übersetzt „Vater von Reckon“ bedeutet. Er sagt: „Ich bin jetzt das zweite Mal verheiratet. Während meiner ersten Ehe habe ich einen Fehler grmacht. Daraufhin hat sich meine erste Frau von mir scheiden lassen.“ Ein Fehler – damit mein Aman Reckon, dass er seine Frau betrogen hatte.

Robi erklärt uns das Prinzip von Ehe des Stammes: „Früher haben die Menschen im Alter von 15 Jahren geheiratet. Damals durfte ein Mädchen einen Heiratsantrag nicht ablehnen. Heute ist das ganz anders. Man heiratet eher mit 25 und die Frauen dürfen den Antrag ablehnen.“  So wie die Frauen einen Heiratsantrag ablehnen dürfen, so dürfen sie sich auch scheiden lassen. Aman Reckon und seine ehemalige Frau sind mittlerweile beide erneut verheiratet und haben Familien gegründet.

Pontille und ich

Ich könnte noch über so viel mehr berichten von meiner Zeit bei den Mentawai. Aber irgendwann muss man einfach einen Schlussstrich ziehen. Und der ist hiermit erreicht.

Abschluss: ein Highlight meiner Reise

Im Frühling dieses Jahres habe ich das erste Mal von den Mentawai gehört. Ich war gerade dabei, mehr über Sumatra herauszufinden, weil ich mir nicht sicher war, ob ich wieder nach Indonesien reisen sollte. In einem Blog las ich dann über die Tour. Wie man mehrere Tage mit den Mentawai leben und von ihnen lernen kann. Wie man sie in ihrem Alltag begleitet und vorher nie genau weiß, was man erlebt, da die Aktivitäten nicht geplant und extra für Touristen vorgestellt werden. Wie lange die Anreise dauert. Ich war sofort begeistert. Gleichzeitig auch etwas eingeschüchtert – ich wusste nicht, ob ich so etwas wirklich machen könne. Hätte ich das Geld und den Mit dafür? Was ich aber auf dieser Reise immer wieder lerne: Ich kann das alles tatsächlich machen, wenn ich es wirklich möchte. Am Ende war es gar kein so großes Thema; nur mein eigener Kopf, der mir manchmal im Weg stand.

Von links nach rechts: Aman Reckon, Robi, Ich, Schamane der Mentawai, Salim, Ehefrau des Schamanen, Annie, Boni, Mentawai Frau. Auf dem Foto fehlt: Pontille

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