In Indonesiens Westen: Fünf Tage bei dem Mentawai-Stamm Part II
In Indonesiens Westen: Fünf Tage bei dem Mentawai-Stamm Part II

In Indonesiens Westen: Fünf Tage bei dem Mentawai-Stamm Part II

Anfang Oktober 2025

Vom Essen im Dschungel

Inmitten des schwülen Dschungels von Siberut gräbt sich eine Axt mit einem kräftigen Schwung tief in das fermentierte Mark der Sagopalme. Ein weiterer Schlag. Mit einer geübten Bewegung drückt der Mann die Axt hoch, sodass die Rinde aufbricht und das Innere der Palme hervorkommt. Ein saurer und leicht muffiger Geruch breitet sich in der heißen Luft aus. Durch das aufgeweichte Mark kriechen dicke Larven. Ihre Tunnel ziehen sich durch die gesamte Palme. Manche von ihnen sind noch klein, viele aber haben schon eine Größe von vier Zentimetern erreicht. „Die Palme wurde vor zwei oder drei Monaten gefällt. In der Zeit konnte sie fermentieren und die Käfer ihre Eier legen. Daraus sind dann diese Larven entstanden“, erzählt unser Guide Robi – und steckt sich eine sich windende Larve in den Mund. „Beim Raufbeißen platzt die Larve im Mund. Sie schmeckt ähnlich wie Kokosnuss“, sagt Robi.

Die Sagopalmenrüssler-Larven sind eine der wichtigsten Nahrungsquellen der Mentawai. Eine einzige Larve kann bis zu 3 Gramm Protein enthalten. Die Palmen, in denen sie herangewachsen, gibt es im indonesischen Dschungel zu Genüge. Nach drei Palmen haben wir Dutzende Larven in einem großen Bambusrohr gesammelt. Später werden sie in Knoblauch eingelegt und auf einem Spieß über dem Feuer gegrillt. Dann schmecken sie auch mir einigermaßen.

Die Mentawai nutzen ihre alten Traditionen und Praktiken, um sich selbst zu ernähren. Reiskultivierung gibt es in diesem Teil Südostasiens nicht. Stattdessen ernten die Menschen hier das Mark der Sagopalme. Es wird getrocknet, gerieben und anschließend gesiebt, bis es in lange Streifen von Palmenblättern gelegt und über den Feuer geröstet wird. Einen Eigengeschmack hat Sago kaum. Es wird zu jeder Mahlzeit gegessen.

Sagopulver wird in die Blätter gelegt, anschließend geknickt und in einem weiteren Blattstreifen eingedreht.

Traditionelle Fischerei im Fluss

„Nama?“ fragt mich eine der beiden Frauen mit leiser Stimme und deutet mit dem Finger auf mein Becken. Wir stehen in der Küche der Urma und mir wird gerade aus Bananenblättern ein Rock geflochten, um damit fischen zu gehen, als die beiden mit der Neugier von Kindern von mir wissen wollen, wie das weibliche Geschlechtsteil auf meiner Sprache heißt. Wir tauschen unser Wissen aus, aber nicht bevor sie mich ermahnen, leise zu sprechen – ihre Männer sind nebenan. „Vulva“ ist es auf meiner Sprache – „Tile“ auf Mentawai.

In unseren Fischeroutfits gehen wir barfuß zum Fluss hinunter. Auf unseren Rücken tragen wir lange Bambusrohre. Sie dienen als Behälter für die wenigen Fische und Schrimps, die wir – im Gegensatz zu den Mentawai – fangen. Die großen Kescher, die wir bei uns tragen, ziehen wir durch das Wasser, während wir die Steine auflockern. Am Boden und in den Ecken des Flusses verstecken sich die meisten Tiere. Trotz des kühlen Wassers, in dem wir bis zu den Hüften stehen, ist es heiß. Die Sonne brennt auf der Haut. Barfuß durch den steinigen Fluss zu laufen, fällt mir bedeutend schwerer als den Mentawai-Frauen.

Zwei gefangene Schrimps später gehen wir zurück zur Urma. Heute Abend teilen wir unseren Fang miteinander – und morgen lerne ich wieder Neues.

Eine kleine Geschichtseinführung

Die Mentawai sind eines der ältesten indigenen Völker Indonesiens. Sie sollen vor 4000 Jahren von Küstengebieten Chinas und Taiwans migriert sein und lebten bis 1792 komplett isoliert. In 1792 gab es die erste dokumentierte Ankunft eines Engländers auf den Inseln, die aber nur kurzweilig war.

Erst 1864 haben die Niederlande unter der Ostindien-Kompanie die Kontrolle über die Mentawai-Inseln genommen. Die Beziehung wird für die ersten vierzig Jahre als ruhig und zufrieden beschrieben. 1901 aber kamen die ersten christlichen Missionare auf die Inselgruppe und von 1942 bis 1945 übernahm Japan das Land.

Mit Ende des zweiten Weltkriegs erlangte Indonesien seine Unabhängigkeit. Unter Indonesiens Ziel, ein geeintes Land zu schaffen, begann die Regierung 1954 das Zivilisationsprojekt. Häuser und Besitz der Mentawai wurden zerstört und die Sikerei, die Schaman, gewaltsam verhaftet und zu Zwangsarbeit verschleppt. Die Mentawai, die eigentlich der Religion des Animismus angehören, mussten plötzlich eine der fünf offiziell anerkannten Religionen des Landes annehmen (Islam, Christentum, Hinduismus, Buddhismus, Konfuzianismus). Die meisten Mentawai wurden von der Regierung gezwungen in neue, von der Regierung errichtete Dörfer zu ziehen, die einen besseren Zugang zu Infrastruktur hatten. Sie erhielten Zugang zu Strom und anderen Gütern, mussten dafür aber ihre Tausende Jahre alten Traditionen und Praktiken hinter sich lassen.

In den späten 1980ern änderte sich etwas. Internationale Organisationen übten Druck auf den Umgang der indonesischen Regierung mit den Mentawai aus. Auch kam ein kleiner, wenn auch stetiger Zug an Touristen zu den Inseln, die an der indigenen Gemeinde interessiert waren. Den Mentawai war es wieder möglich, ihr früheres Leben zu praktizieren – weit weg von den Regierungsdörfern.

Heute ist der Eco-Tourismus auf den Mentawai-Inseln eine bedeutsame Einnahmequelle der Mentawai. Sie finanzieren damit nicht nur neue Waffen für ihr Überleben im Alltag oder Reparaturen an ihren Häusern – sie können damit auch ihre Kinder zur Schule schicken.

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