Von Thailands Norden bis Süden: Über Wasserbüffel, Reisanbau und Schweißtropfen
Von Thailands Norden bis Süden: Über Wasserbüffel, Reisanbau und Schweißtropfen

Von Thailands Norden bis Süden: Über Wasserbüffel, Reisanbau und Schweißtropfen

Tage 21. Juni – 1. Juli 2025

Der weiße Toyota Hilux wackelt hin und her als wir, umgeben von Bananenbäumen, durch den Fluss fahren. Mit meinen zwei Rucksäcken sitze ich hinten auf der Ladefläche und muss mich ordentlich festhalten, um nicht durchgeschüttelt zu werden. Das Ziel: die Daidib Daidee Farm in Pua, hoch im Norden Thailands. Daidib Daidee, das bedeutet Viel Glück auf Thai.

Die Farm, auf der ich die kommenden zehn Tage verbringen werde, ist umgeben von Reisfeldern. Der Ausblick von der Küche aus ist sicher einer der schönsten, den ich bisher gesehen habe. Der Horizont reicht weit und ich bin fasziniert davon, was es alles zu entdecken gibt. Vor mir liegen die Reisfelder. Weiter in der Ferne sehe ich Scooter auf den schmalen Wegen stehen, an ihnen sind Sonnenschirme befestigt oder Karren an der Seite angeschraubt – mal zum Transport von Materialen, mal zum Transport von Personen. Dahinter stehen Palmen voller Kokosnüsse, dann wieder mehr Reisfelder. Zum Schluss ragen die Berge der Nanprovinz in den Himmel.

„Ich habe 2019, kurz vor Corona, angefangen diese Farm zu bauen“, erzählt mir Bird beim Abendessen. Bird ist 33 Jahre jung und lebt hier gemeinsam mit Dao, seiner Partnerin. Er ist in Pua aufgewachsen aber für sein Fotografie-Studium nach Chiang Mai gegangen. Dort hatte er nach seinem Uniabschluss zwei Jahre lang für einen Dokumentarfilmemacher gearbeitet. Aber die große Stadt war ihm zu viel und die Arbeit hinter der Kamera mit immer wechselnden Arbeitszeiten verbunden. „Das hat mir nicht gut getan“. Während ich meinen Sticky Rice mit Gemüse inhaliere, erzählt mir Bird weiter von seiner Geschichte. Für seine Arbeit filmte er einmal ein Interview mit einem Mann, der über Farming und Permakultur sprach. Dabei sei in ihm eine Idee entsprungen. „Das will ich auch machen“. Das Farming war ohnehin nichts Neues für Bird. Schon als Kind hatte er von seinen Eltern davon gelernt.

Daraufhin lernte er über sechs Monate hinweg alles, was die Bücher hergaben und fing an, diese Farm zu bauen. Zu Hochzeiten arbeiteten hier acht bis neun Freiwillige. Alles musste von Grund auf errichtet werden. Die Häuser, Gemüsefelder, Wassertanks, Dusche und Toiletten. Heute strahlt dieser Ort von den Erinnerungen der letzten Jahren intensiver Arbeit. Überall hängen selbstgemachte Schilder. Manche erzählen kleine Weisheiten, andere einen lustigen Spruch. Aber alle haben sie gemeinsam, dass sie von Menschen  stammen, die mit Begeisterung daran gearbeitet haben.

Insgesamt um die 150 Freiwillige haben Bird und Dao schätzungsweise schon auf der Farm gehabt.  Momentan bin ich die einzige – in der Regenzeit ist es hier immer ruhiger.

Von der harten, aber kurzen Arbeit auf den Feldern

Am nächsten Morgen stehe ich um sechs Uhr auf. Die Arbeit auf den Felder beginnt früh, ab zehn Uhr morgens wird es bereits zu heiß zum arbeiten. Aber heute regnet es. „Da legen wir erst los, wenn es trocken ist“, sagt Bird lächelnd. Kein Grund, im Regen zu arbeiten. Schließlich ist die Ernte eh nur für das eigene Zuhause gedacht. Da machen ein paar Stunden Warten nichts aus. Stattbder frühen Arbeit auf dem Feld haben wir einen langsamen, ruhigen Morgen. In der offenen Küche riecht es nach brennenden Holz und Rauch. Bird erhitzt einen Wassertopf über der Feuerstelle aus Ton. Für mich gibt es Kaffee, während er sich für seinen Tee frisches Zitronengras aus dem Garten pflückt.

  

Später stehen wir auf dem Gemüsefeld. Bevor wir in ein paar Tagen mit dem Reisanbau beginnen können, müssen wir erst die alten Sträucher entfernen. Mit Hake und Schubkarre bewappnet mache ich mich an die Arbeit. Währenddessen grasen die zwei Wasserbüffel, Hanna und Toni, auf der Wiese nebenan.

Immer, wenn ich auf den Felder arbeite, denke ich mir ‚So viel habe ich in meinem Leben noch nicht geschwitzt‘. Und doch schwitze ich jeden Tag mehr. Beim Felder umgraben, tropfen die Schweißperlen von meiner Stirn; wenn ich mich bücke, läuft Schweiß meine Nasenlöcher hoch. Aber die Belohnung ist stets groß. Nach der Arbeit wartet schon das traditionelle und saisonale thailändische Essen auf uns – von Dao oder Birds Mutter gekocht. Reis, Gemüse, Obst – alles von der Farm.

Ein typisches Frühstück auf der Farm. Reissuppe mit grünem Gemüse, Kürbis, Ei, Erdnüssen und Papaya

Der Prozess des Reisanbaus

Nach tagelanger Vorfreude lerne ich endlich den Reisanbau kennen. Die Felder sind umgegraben und Bird sticht gerade mit einem langen Stock vier Zentimeter tiefe Löcher in die trockene Erde. „Fast vier Monate dauert es von der Aussaat bis zur Ernte“, erklärt er. Ich lasse etwas von der Reissaat in die kleinen Löcher rieseln. Wenn die Löcher wieder mit Erde verschlossen sind, wächst der Reis drei Wochen vor sich hin, bis er schließlich in die großen, mit Wasser befüllten Felder gepflanzt werden kann.

Diese Felder müssen aber zuerst noch von altem Gras befreit werden. Dafür werden heute für gewöhnlich Maschinen und Traktoren genutzt. Bird und Dao aber holen Tony, den 800 Kilo schweren Wasserbüffel, ran.

„Heute wird alles mit Maschinen gemacht. Die Menschen verkennen den Wert von Essen und die Arbeit, die dahintersteckt. Indem wir vor allem jungen Menschen in der Schule zeigen, wie noch vor 40, 50 Jahren auf den Feldern gearbeitet wurde, wirken wir dem etwas entgegen“, erzählt mir Dao, als wir zwischen den Reisfeldern stehen. Jedes Jahr bekommen sie auf ihrer Farm Besuch von Schulklassen. Die Schülerinnen und Schüler lernen hier, so wie ich auch, wie man gemeinsam mit dem Wasserbüffel arbeitet. „Es wird so viel Essen weggeworfen. Ich denke, es ist gut, diese Achtsamkeit in der Schule schon zu lehren“, erklärt Dao weiter. Dabei wird Tony, der Wasserbüffel, nicht für seine Arbeit ausgenutzt. Sein Einsatz auf dem Feld steht eher symbolisch für Nachhaltigkeit und Tradition. Es macht vor allem Spaß und zeigt den Menschen eine Alternative – vor allem für eine mögliche Zukunft, in der wir uns vielleicht nicht mehr auf Maschinen verlassen können.

Zurück auf dem Trockenfeld ziehen wir die jungen Reisbündel mitsamt ihren Wurzeln aus der Erde und stecken sie anschließend tief in die nasse Erde des Wasserfelds.

So sieht der Reis nach drei Wochen auf dem Trockenfeld aus

Zu dritt stehen wir 1.5 Stunden mit krummen Rücken im Wasser und haben dabei wenig Prozess gemacht, wenn man beachtet, wie groß das Feld ist… Alles Handarbeit, während die Farmer nebenan für ihren Reis kleine Maschinen nutzen, die automatisch die Reißpflanzen in die Erde einarbeiten.

Hier bleibt der Reis weitere drei Monate bis zur Ernte stehen

Ein paar Sidequests

Selbstverständlich wird auf der Daidib Daidee Farm nicht nur gearbeitet und gegessen. Es wird auch auf dem Wasserbüffel Tony geritten. Einmal gehe ich sogar mit ihm Gassi. So wie Tony mich aber mitreißt und ich keine Chance habe, ihn mit der Leine zu stoppen, fühlt es sich eher an als würde er mit mir Gassi gehen… Ohnehin verstehe ich nicht ganz, warum mir Bird die Leine für den 800 Kilo Bullen in die Hand drückt und nicht für die süße 400 Kilo leichte Hanna..? Vielleicht wollte er sich gerne amüsieren.

  

Aus der Schale von Mangosteens färben an einem ruhigen Nachmittag Klamotten rot ein.

Ich lerne auch, wie man diesen schnuckeligen Roller mit Gangschaltung und seitlichem Anhänger fährt.

 

Manchmal bekommen wir Reservierungen für das Pizza-Restaurant, das Dao und Bird führen. Dann hole ich meine zehnjährige Gastro-Erfahrung raus und bringe den Glasnudelsalat oder die Pizza mit Chilipaste (Nam Phrik) an die Tische. Der Ausblick auf die Berge, der Geschmack der Pizza und die süße Jazz-Musik, die im Hintergrund läuft, sind eine unschlagbare Kombi.

Meine Pizza mit Galangal, aka Nam Phrik, aka Thai Chili Paste

Meine Freizeit fülle ich währenddessen mit dem scheinbar endlosen Schreiben von Texten für meinen Blog. Hin und wieder kommt ein Nickerchen am Nachmittag in der Hängematte hinzu oder eine Kuscheleinheit mit den drei Katzen der Farm.

Die Tradition alter Palmendächer

An meinem letzten Arbeitstag machen wir uns daran, das Dach eines der Bungalows zu reparieren. Bird bitter mich, ihm deutsche Musik zu zeigen. Der erste Song am Morgen ist Seeed’s Wonderful life. In diesem Moment passt alles.

„Ich habe von meinem Vater gelernt, wie man Dächer aus Palmen baut“, beantwortet Bird meine offensichtliche Frage. „Heute zeige ich dir, wie es geht“.

Das Dach aus Palmen hat nach drei Jahren einige Löcher abbekommen. Wir nehmen mehr als die Hälfte der Blätter auf einer Seite ab. Der Staub und Dreck klebt an meinem ganzen Körper.

Die Palmenblätter, die noch gut sind, legt Bird näher zusammen. Je dichter sie beieinander sind, desto länger wird das Dach dem Wetter standhalten. Anschließend arbeiten wir die neuen Blätter ein. Dafür fangen wir am untersten Teil des Dachs and und arbeiten uns hoch. Befestigen tun wir die einzelnen Blätter an dem Holzgerüst mit groben Bambus-Fasern, die zuvor in Wasser eingelegt wurden, damit sie dehnbar werden. Diese werden einmal durch die Palmenblätter gesteckt und anschließend um den Holzbalken befestigt. Dafür hält man die Faser mit einer Hand straff, während die andere Hand eine zwirbelnde Bewegung macht.

  

Nach zehn Tagen Farm, reise ich am 1. Juli ab. Morgens genieße ich noch meinen letzten Kaffee in Ruhe in der Küche, blicke noch einmal lange auf die Reisfelder und Berge vor mir – und packe meine Sachen. Zum Abschied gibt es noch vier Avokados für mich. Noch ein letztes Frühstück, Sticky Rice mit grünem Gemüse und Omelette, dann bringt mich Dao an die nächste Tankstelle neben der Hauptstraße in Pua. Von hier aus will ich Richtung Süden. Per Anhalter. Über 1.500 Kilometer liegen nun vor mir.

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