Big in Japan: Fat Man, Little Boy und die Zukunft der Atomwaffe
Big in Japan: Fat Man, Little Boy und die Zukunft der Atomwaffe

Big in Japan: Fat Man, Little Boy und die Zukunft der Atomwaffe

Tage 16. und 21. Mai

Am 6. August 1945 lassen die USA eine Atombombe über Hiroshima fallen. Unmittelbar danach sterben 45.000 Menschen. Am 9. August 1945 lassen sie eine weitere Atombombe über Nagasaki fallen. 22.000 Menschen sterben. Insgesamt gibt es bis heute 400.000 Todesopfer durch die Atombomben und ihre Spätfolgen.

Heute besitzen neun Länder insgesamt über 12.000 Atombomben.

Ein Besuch in Nagasakis Atombomben-Museum

Man könnte es wohl fast schon als einen Ort des Dark Tourism bezeichnen, wenn man Nagasaki besucht. Wie für viele andere gibt es auch für mich einen bestimmten Grund, weswegen ich hier bin. Es geht um die Atombombe, die vor 80 Jahren während des Zweiten Weltkriegs hier für unmittelbaren Tod, kilometerweite Verwüstung, Zerstörung und radioaktiver Strahlung sorgte, die sich tief in die Umgebung und menschliche Körper eingrub.

Zugegeben, es ist etwas surreal. Obwohl ich direkt im Hypozentrum stehe, wo die Bombe in einer Höhe von 500 Metern explodierte, fällt es mir schwer, mir diesen Moment und die radioaktive Hölle, die daraus entstand, vorzustellen. Manche Sachen sind so schrecklich, dass man sie sich nicht ausmalen kann. Aber der Besuch im Museum ist ein guter Anfang, ein Verständnis zu erlangen.

Diese Uhr ist ein Überbleibsel der Atombombe in Nagasaki. Sie stoppte genau zum Zeitpunkt der Explosion um 11.02 Uhr

Es war also der 9. August 1945, ein Donnerstagvormittag, als die Bombe über Nagasaki explodierte. Nur drei Tage zuvor, am 6. August, um 8.15 Uhr, fiel die erste Bombe, „Little Boy“ auf Hiroshima.

In Nagasakis Memorial Hall wird die Geschichte zweier junger Geschwister erzählt, die beide Atombomben miterlebt haben. Bevor ich also im Museum alle Hintergründe erfahre, lese ich zuerst über ihre Geschichte, die mich sofort emotional ins Thema einbindet.

Kuniyoshi Aikawa (m) und Kinuyo Fukui (w) sind jeweils 12 und 14 Jahre alt, als sie beide Atombombenanschläge auf Hiroshima und Nagasaki miterleben. Geboren und aufgewachsen sind sie in Nagasaki, bevor sie 1944 nach Hiroshima zogen, da ihr Vater dort einen neuen Job angenommen hatte. Zum Zeitpunkt der Explosion in Hiroshima befanden sich die beiden Geschwister alleine zuhause. Ihr Vater wurde zuvor an die Kriegsfront geschickt und ihre Mutter war nicht Zuhause. Um vor allem, was geschehen ist, zu fliehen – und weil sie Verwandte in Nagasaki hatten – machten sie sich auf den Weg in ihren Heimatort im Süden Japans.

Als einen plötzlichen Lichtstoß aus hellen lila, orange und weißgelben Farben beschreiben die Geschwister die Explosion. Es soll sich wie das heftige Grollen eines Gewitters angehört haben. Der Tageshimmel verwandelte sich auf einmal von einem hellen Blau in tiefes Schwarz, gefolgt von einer extrem heißen Druckwelle. Ihre Körper wurden in die Luft geschleudert. An mehr erinnern sie sich nicht.
Kuniyoshi beschreibt, dass er sah, wie die Augen seiner Schwester nach der Explosion rot und geschwollen waren. Sie schrie vor Schmerzen. Er erinnerte sich noch aus dem Unterricht in der Schule, dass man in solchen Situationen einen kalten nassen Lappen auf die Augen legen soll und so rannte er zum nahegelegenen Fluss. Aber den fand er voller Leichen vor, beschreibt er.
Nachbarn und Angehörige der beiden Kinder brachten sie schließlich an Evakuierungsorte, wo sie jedoch schon bald alleine gelassen wurden. In den Barracken sollten sie plötzlich den Verwundeten helfen. Überall lagen Soldaten mit Verbrennungen. Jemand reichte Kuniyoshi eine Schüssel mit Reis und einen Löffel. Er wird aufgefordert, einen der Soldaten Essen zu füttern. Aber aufgrund der starken Verbrennungen in seinem Gesicht konnte er den Mund nicht finden.

Die Kinder hörten schließlich davon, dass es kostenlose Züge nach Nagasaki gibt, also wollten sie sich auf den Weg in ihre Heimatstadt begeben. Sie gelangen in die Nähe des Hypozentrums in Hiroshima, wo sie den Fluss überqueren mussten – aber die Brücke existierte nicht mehr. Obwohl der Fluss voller Leichen war, schafften sie es, ihn zu durchqueren.

Man mag sich die Frage stellen, weshalb besonders viele Menschen im Fluss starben. Die Erklärung ist Folgende. Nach der Explosion versuchten Viele, in den Fluss zu springen, um sich vor der immensen Hitze zu retten. Das Wasser aber war so heiß, dass sie dadurch starben.

Am Morgen des 9. August erreichten Kuniyoshi und Kinuyo Nagasaki, nur um dann erneut Zeugen und Opfer der Atombombe und ihrer Auswirkungen zu werden – und erneut überleben sie. Später werden sie mit ihrer Mutter vereint und klären Jahrzehnte später über die Geschehnisse auf.

Wie kam es zur Atombombe?

Nachdem deutsche Forscher 1938 die Kernspaltung entdeckten und mit die USA 1942 das „Manhatten Projekt“ – um selbst Atomwaffen zu entwickeln. Im Mai 1945 jedoch kapitulierte Deutschland. Im Juli des gleichen Jahres führten die USA den ersten erfolgreichen Test mit einer Atombombe durch, in einer eigens für die Entwicklung der Atombombe erbauten Stadt, Los Alamos.

Der Krieg mit Deutschland war also bereits beendet – die Nazis hatten es nicht geschafft, eine Atomwaffe zu entwickeln – was die USA aber nicht von der Fertigstellung abhielt. Währenddessen hielt der Krieg im Pazifik mit Japan an. Der mögliche Einsatz einer Atombombe wurde vonseiten der USA nie erwähnt. Japan wurde zwar zur Kapitulation aufgefordert, allerdings ohne Vorwarnung der Atombomben. Ob Japan kapituliert hätte, wäre die Alternative deutlich gewesen, ist bis heute umstritten. Aber viele glauben, dass ein diplomatischerer Umgang mit dem Einsatz, beziehungsweise einer Warnung den Tod von Hunderttausenden hätte verhindern können.

Warum also die Bomben einsetzen?

Offensichtlich waren die Atombomben dafür gedacht, den Zweiten Weltkrieg zu beenden. Hinzu kommt, dass die USA für ihr Projekt zwei Milliarden US-Dollar investiert haben. Sie wollten also auch den Erfolg beweisen. Zudem sahen es die USA auch als eine Chance, ihre Macht gegenüber der Sowjetunion zu demonstrieren.

Nagasaki früher

Von 1641 bis 1859 war die Stadt der einzige offene Hafen von Japan. Während der Modernisierung entwickelte sich Nagasaki langsam vom Handelshafen zum Zentrum des Schiffsbau.

Nagasaki zwei Tage vor der Bombe
Die Stadt einen Monat später

Was geschah zum Zeitpunkt der Explosion?

Im Hypozentrum betrug die Temperatur zum Zeitpunkt der Explosion 4.000 Grad. Je weiter die Entfernung, desto niedriger wurde die Temperatur. Dennoch wurde so gut wie alles in einem Umkreis von zwei Kilometern niedergebrannt. Die meisten Menschen starben durch die immense Hitze und durch Feuer. Die Überlebenden hatten über ein Jahr mit ihrer Genesung und den Verbrennungen zu kämpfen.

Die Druckwelle der Atombombe reißte mit 170 Meter pro Sekunde alles um sich herum alles nieder. Selbst der stärkste Taifun erreicht nur 80 Meter pro Sekunde. Noch 15 Kilometer vom Hypozentrum entfernt, richtete die Druckwelle Schaden an.

Die Auswirkungen

Durch die radioaktive Strahlung wurden die Zellen im menschlichen Gewebe zerstört. Beinahe alle Menschen, die sich im Radius von einem Kilometer vom Hypozentrum befanden, starben. Diese Strahlung führte alsbald zu weiteren inneren Verletzungen und Krankheitssymptomen wie Durchfall, Übelkeit und Haarausfall. Obwohl das Gebiet mittlerweile frei von Strahlen ist, sorgen die Langzeitfolgen der Strahlung im Körper bis heute für Krankheit und Leid.

1951 kam es zu einem extrem hohen Aufkommen von Leukämie, das in direkter Verbindung zu der Atombombe steht. Noch in den 1960er Jahren gab es häufige Fehl- und Totgeburten. Einige Neugeborene erkrankten an dem „Small Head Syndrom“. Diese Fehlbildung führt im Laufe des Lebens häufig zu weiteren Gesundheitsproblemen, wie Hör- und Sehprobleme oder Einschränkungen in Motorik und kognitiven Fähigkeiten. Zehn Jahre nach der Bombe – und bis heute anhaltend – erkranken Menschen aufgrund der Langzeitwirkungen der Strahlung an verschiedenen Krebsarten.

Im Museum kamen Überlebende der Atombombe selbst zu Wort. Ein Zitat ist mir dabei besonders aufgefallen:

„The atomic bomb survivors were deeply and tragically convinced that no amount of treatment would ever provide a cure. Designation as a sufferer of atomic bomb disease brought that conviction to the surface as a burning stigma. As soon as the stigma was branded we began to live under a whole new set of values, abandoning ourselves to a life of hopeless solitude until death. This is a world that shuts out all the joy and hope of an ordinary human existence, a world of despair and isolation painted over in black.“ —— Sumako Fukoda

Wo gibt es heute Atombomben?

Im Jahr 1949 führte auch die Sowjetunion einen erfolgreichen Atombombentest durch. Dies gilt heute als Startschuss für einen rasanten Anstieg im Wettrüsten. Bereits Mitte der 1980er Jahre gab es ausreichend Atomwaffen, um die menschliche Bevölkerung gleich mehrmals komplett auszulöschen. Damals wie heute wird der Besitz solcher Waffen mit dem Ziel der Abschreckung der Feinde begründet.

Trotz allen Wissens über die Zerstörungskraft von Atombomben, gibt es heute immer noch über 12.000 davon. Folgende Länder sind in Besitz dieser Waffen:

Russland: 5580

USA: 5044

China: 500

Frankreich: 290

UK: 225

Pakistan: 170

Indien: 170

Nordkorea: 50

Von diesen Sprengköpfen sind etwa 9.500 einsatzfähig. Ca. 2.100 sind in hoher Alarmbereitschaft, also innerhalb kürzester Zeit einsatzbereit. Fast alle davon sind in Besitz der USA und Russland.

Der Jahresbericht des Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri ergab eine weitere beunruhigende Beobachtung. In den nächsten Jahren könnte die Zahl der Atomwaffen wieder zunehmen. Der Bericht warnt, denn fast alle Atomwaffenstaaten modernisieren ihre Atomwaffen. Sie rüsten auf, entwickeln neue Versionen. Auch andere Staaten, die bisher keine derartigen Waffen hergestellt haben, könnten dies in Zukunft ändern, wie aktuelle Debatten zeigen. Das nukleare Wettrüsten könnte also wieder Fahrt aufnehmen. Zudem wird der Einsatz von künstlicher Intelligenz zu einer „Neudefinition der nuklearen Fähigkeiten“ führen, so der Bericht. (Quelle:https://www.zdfheute.de/politik/friedensforschungsinstitut-sipri-atomwaffen-kriege-100.html).

Der Atomic Bomb Dome in Hiroshima. Die Ruine war einst ein Ausstellungsgebäude für Kunst und Produkte und ist heute Erinnerungsdenkmal.

Auch in Hiroshima habe ich das Museum besucht. In Nagasaki dachte ich bereits, dass die Ausstellung gut besucht war. Es war aber nichts im Vergleich zu den Massen an Menschen, die sich in das Museum in Hiroshima gedrängt haben. Mich hat es sehr daran gehindert, mir die Bilder genauer anzuschauen und die Texte länger zu lesen, was schade ist, zumal es ja der Sinn eines solchen Erinnerungsortes ist, das Dargestellte aufzunehmen und tiefere Einblicke zu erlangen. Stattdessen habe ich mich lieber an die Seite gestellt und – zugegebenermaßen – andere Menschen beobachtet; wie sie sich in dem engen Raum bewegen und verhalten. Es hat mich nicht verwundert, zu sehen, wie auch sie eher abgelenkt waren und die einzelnen Ausstellungsstücken nur flüchtig wahrgenommen haben. Es war vielmehr ein „schnell durchkommen“. Was das Ganze für mich noch absurder und abschreckender gemacht hat: im Vergleich zum Museum in Nagasaki, wo durch Texte viel Information und Wissen vermittelt wurde, zielt das Museum in Hiroshima zum großen Teil auf Fotografien und Zeichnungen ab. Diese Bilder zeigen – und ich kann es nicht anders beschreiben – die Hölle auf Erden. Die Zeichnungen sind größtenteils in Rot- und Orangetönen. Sie stellen  Menschen dar, die brennen und deren Haut sich von ihren Körpern lösen. Es sind Bilder von verkohlten Körpern. Es überrascht also nicht, dass sich Menschen unwohl fühlen, wenn sie sich in einem abgedunkelten Raum an Hundert anderen Menschen vorbeischlängeln müssen, um auf die verstörendsten Bilder zu blicken. Ich wünsche mir in diesen Moment, das Museum würde seine Besucherzahlen begrenzen.

Das denken sich auch viele andere Menschen, wie ich später in den Rezensionen des Museums lese. Ein Kommentar ist dabei besonders herausgestochen. Die Person bemängelte, dass das Museum an keiner Stelle auf die Rolle Japans im Zweiten Weltkrieg einging, geschweige denn auf das Ausmaß an Zerstörung und die Anzahl der Todesopfer. Die Person schrieb daraufhin, dass die Atombomben zwar tragisch, aber alles andere als unnötig gewesen seien. Der Kommentar hat 30 Likes.

Nun ist es kein Geheimnis, dass Japans Kriegsverbrechen abscheulich waren. Die Rede ist beispielsweise von Zwangsprostitution oder Massaker an Zivilisten unter dem Vorwand einer sogenannten „Säuberungsaktion“. Trotzdessen hat Japan bis heute nur wenig kollektive Aufarbeitung betrieben. Manche Besuchende der Museen in Nagasaki und Hiroshima kritisieren genau das: dass diese Aufarbeitung und Aufklärung in den Atombombenmuseen eben nicht stattfindet, sondern Japan sich weiterhin in eine Opferrolle drückt. Aber es gibt auch ein weiteres Museum in Nagasaki, gewidmet einzig und allein den japanischen Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg. Es heißt Nagasaki Museum for Human Rights and Peace und ist im Gegensatz zu den Atombomben-Museen nur wenig bekannt. Ich selbst erfuhr auch erst davon, als ich Nagasaki bereits verlassen hatte.

Ich möchte noch einmal den Bogen zurückspannen zu dem Kommentar. Er legitimiert Kriegsverbrechen aufgrund von Kriegsverbrechen.

Ab wann ist Vergeltung erlaubt? Gibt es einen Punkt der Zerstörung, an dem der Einsatz einer der gefährlichsten Waffen der Welt legitim wird – auch wenn er Hunderttausende von Zivilisten tötet? Solche Fragen führen uns direkt in moralische Dilemmata, in denen es darum geht, für ein vermeintlich „größeres Ziel“ oder ein „kleineres Übel“ Opfer zu rechtfertigen.

Aber ist die Frage, ob die Bomben in diesem einen historischen Moment gerechtfertigt waren, der Fokus, den wir hinsichtlich der Atombomben von 1945 einnehmen sollten? Vielmehr geht es um die tiefergehende Bedeutung. Es geht darum, zu welchen langfristigen Konsequenzen der Einsatz der Atombomben geführt hat. Entscheidend ist nicht nur, was damals geschah, sondern was hiermit möglich und denkbar gemacht wurde. Dadurch wurde eine metaphorische Mauer niedergerissen. Es wurde eine Welt eröffnet, in der Kriege mit Atomwaffen nicht nur eine bloße Drohung bleiben, eine Theorie, die nie in die Praxis umgesetzt wird. Durch die Bomben wurde dieses Szenario zu einer reellen Gefahr, die zur Folge hatte, dass weltweit ein Wettrüsten in Atomwaffen stattfand – und heute wieder einen Aufschwung zu erhalten scheint. Was beide Museen in Hiroshima und Nagasaki zu vermitteln versuchen, ist im Endeffekt: „Nie wieder.“ Nie wieder soll es eine Möglichkeit, eine Alternative, ein Ausweg sein, Atomwaffen einzusetzen. Denn was wird geschehen, wenn eine Seite im Krieg zu diesem Mittel greift und die andere auf gleiche Weise reagiert – und wo endet es?

2 Kommentare

  1. Raini

    Es wird immer so bleiben.Der Mensch wird es wieder und wieder versuchen sich andere untertan zu machen.Oder zu vernichten.z.B 1994 ….Hutu und Tutsi.In kürzester Zeit bis zu 1 Million Tote.Ohne Atombombe.Man kann nur hoffen, das die Folgen der beiden Bomben in Zukunft die „Mächtigen“ in ihrem Wahn Drosselt.

  2. hayden

    oofta. a tough history, but one important to face. very few countries have done well in their way of processing their own tragic, destructive histories; including the usa who deems themselves as a “protector” or “savior”. it’s very interesting to hear about how japan may be using the “victim” label to skirt around their own role. im so glad you went to these museums and, not only learned a lot about the history, but took notice of the people’s behavior in that space! i love to hear about some people watching

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert