Triggerwarnung: Im folgenden Text geht es um sexuelle Gewalt. Wer sich mit dem Thema nicht gut fühlt, liest besser nicht weiter.
Tag 20. April 2025
Es ist 4:30 am Morgen, als ich mitten in der Eingangshalle des Pingtung County Police Bureau sitze und – noch immer leicht betrunken – nach draußen blicke, wo sich der Himmel langsam von Schwarz zu Blau färbt. Um mich herum stehen vier Polizeibeamte. Bei Google translate habe ich Wörter wie „Mann“, „Gegen meinen Willen“ und „anzeigen“ eingetippt. Sie sagen, eine Polizeibeamtin sei auf dem Weg zu mir. Sie schauen sich meinen Reisepass an. Fragen, aus welchem Land ich komme und was ich in Taiwan mache. „Germany, travelling“. Mehr bekomme ich gerade nicht raus.
In der Eingangstür schaue ich in mein Spiegelbild. Ich sehe völlig fertig aus. Ich trage noch die Klamotten von der Party letzte Nacht, meine Haare sind zerzaust und mein Gesicht… – es ist leichter gerade, mich nicht anzuschauen. Wie konnte mir so etwas wieder passieren? Bereits auf meiner letzten großen Reise – damals war es Australien – saß ich auf einer Polizeistation, um Anzeige wegen versuchter Vergewaltigung zu erstatten. Ich erinnere mich, dass es vor sechs Jahren an einem Ostersonntag passiert ist. Letzte Nacht war auch Ostersonntag.
Ich weiß, dass es nicht meine Schuld ist. Deswegen sitze ich ja auch hier bei der Polizei und will alles erzählen. Und trotzdem schleichen sich Gedanken in meinen Kopf, die ich nicht da haben will und die ich zu keiner betroffenen Person sagen würde: Du hättest besser aufpassen müssen, du warst viel zu betrunken.
Ich werde nicht im Detail erzählen, was geschehen ist. Das tut nicht viel zur Sache. Was ich hiermit will, ist Aufmerksamkeit auf sexuelle Gewalt und Übergriffe zu lenken. Es gibt zum Glück viele Menschen – egal, welches Geschlecht – die offen darüber reden, was ihnen widerfahren ist, obwohl sie oft nicht ernst genommen oder sogar selbst beschuldigt werden. Auch ich schäme mich für das, was passiert ist und deswegen möchte ich darüber schreiben. Das Thema soll kein Tabu sein und schämen sollte ich mich dafür erst recht nicht. Sexuelle Gewalt ist kein privates Ding, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem. Und deswegen bleibt es so wichtig, offen damit umzugehen.
Betroffene tragen nie die Verantwortung dafür, was ihnen angetan wurde. Ich möchte auch zeigen, was wir durchmachen müssen. Dass es jede*n treffen kann und vor allem: wie wichtig es ist, sexuelle Straftaten zur Anzeige zu bringen, auch wenn es unfassbar hart und schwer sein kann.
Für mich ist heute, wie auch damals vor sechs Jahren klar, dass ich Anzeige erstatten will und muss. Auf keinen Fall kann ich einen Mann entkommen lassen, der imstande ist, sexuell gewalttätig zu werden. Ich will wissen, dass die Polizei bald vor seiner Haustür stehen wird, um ihm die Nachrichten zu übermitteln. Ich will wissen, dass es für dieses Verhalten Konsequenzen gibt und ich will diejenige sein, wegen der diese Konsequenzen zum Tragen kommen.
Ich warte noch rund zehn Minuten, bis zwei Polizeibeamtinnen auf mich zukommen. Sie sprechen fast kein Englisch. Ein Polizist aber sagt mir, dass ich mit den ihnen ins nächste Krankenhaus fahren muss, bevor wir später den Anzeigebericht erstellen. Also steige ich in den Polizeiwagen. Das erste Krankenhaus scheint nicht auf sexuelle Übergriffe spezialisiert zu sein, deswegen fahren wir zu einem anderen. Hier gehen wir in das Zimmer für Gynäkologie. Ich setze mich hin, während die Ärztin, die so aussieht, als müsste sie eigentlich schon seit 15 Jahren in den Ruhestand gehören, die entsprechenden Papiere raussucht. Sie stellt mir viele Fragen. Wo war ich und wann, wie habe ich ihn kennengelernt, wer war noch alles dabei. Was genau ist passiert. Bei der Befragung ist die Ärztin extrem genau. Ich habe manchmal das Gefühl, in ihrer Stimme etwas Verurteilung herauszuhören. Sie stellt mir außerdem Fragen, die für eine medizinische Untersuchung irrelevant sind. Beispielsweise fragt sie mich, mit wie vielen Männern ich auf der Party Sex hatte. Dadurch bekomme ich mehr und mehr das Gefühl, dass meine Situation entwertet wird. Leider habe ich das erst im Nachhinein realisiert. Sie jedenfalls scheint nicht wirklich einzusehen, dass es sich um sexuelle Gewalt handelt.
Dann soll ich aufstehen. Meine Hose aus und auf den gynäkologischen Stuhl. Sie sagt mir, dass sie die Hose zur Untersuchung behalten müssen. Ich werde sie danach nicht wiederbekommen. Es ist meine Lieblingshose – eigentlich ist es die einzige Hose, die ich auf Reisen dabei habe.
Während mich die Ärztin zuvor gründlich ausgefragt hat, ist sie jetzt überraschend still. Ohne jede Ankündigung von ihr lasse ich alle möglichen Abstriche machen. Sogar von meinen Fingernägeln werden Proben genommen.
Was nach einem sexuellen Übergriff für die Beweisaufnahme unglaublich wichtig ist: nicht duschen oder waschen. Auch wenn das Verlangen groß ist, das Geschehene abzuwaschen, ist es entscheidend für den Prozess, es nicht zu tun. Ansonsten löscht man damit Beweismaterial.
Nach dem Sammeln der DNA, darf ich eine neue Unterhose anziehen, bei der es mir schwerfällt, vorne von hinten zu unterschieden. Beide Seiten sind absolut identisch. Auch eine neue Hose bekomme ich. Ich schaue auf die Uhr. 7 Uhr morgens. Die Zeit verläuft schleppend. Ich glaube, mir werden noch mehr Fragen gestellt oder Dinge erklärt. Aber ich kann mich nur noch schlecht erinnern. Um diese Zeit fallen mir immer wieder die Augen zu.
Dann muss ich zur Blutabnahme. Es fühlt sich unangenehm an, also schaue ich nach draußen und versuche meinen Blick auf einen Baum zu fokussieren, während die Krankenschwester mir vier kleine Fläschchen Blut entnimmt. Ich bekomme Medikamente verschrieben und will gerade das Rezept in der Krankenhausapotheke einlösen, als der Apotheker meint, da sei irgendwo ein Fehler unterlaufen und er müsse ein neues Rezept ausstellen. Die zwei Polizeibeamtinnen und ich setzen uns auf freie Stühle im Gang. Ich frage sie, ob es möglich sein wird, den Täter zu finden. „80 Prozent sicher“. In meinen Ohren klingt das nur wenig überzeugend. Verständlich, denn ich kann ihnen nichtmal einen ganzen Namen nennen, sondern nur den Instagram-Account. Ich kann auch sonst keine Auskünfte geben. Wo es passiert ist, welches Kennzeichen sein Auto hatte. Ich weiß gar nichts. Und da sitze ich so, im Krankenhaus, und denke mir: „Was machst du hier eigentlich. Es wird nichts bringen, sie werden ihn nicht finden“.
Ich weiß nicht mehr, wie lange wir dort sitzen und warten. Ich nicke immer wieder weg. Aber plötzlich sagt eine der Polizeibeamtinnen, sie haben ihn gefunden. Auf ihrem Smartphone hat sie sich in die Datenbank der Polizei eingeloggt und hält mir ein Foto entgegen. Das ist er. Da macht sich schon ein kleines Lächeln der Erleichterung in meinem Gesicht breit.
Das Krankenhaus verlasse ich kurze Zeit später mit meinen Medikamenten und rund 150 Euro weniger in der Tasche. Die Polizistinnen bringen mich zurück zur Station, für den Anzeigebericht. In dem großen Gebäude gehen wir die Treppe hinauf in einen Raum mit einem Schreibtisch, einem Computer und zwei Sofas. Ein männlicher Kollege kommt dazu. Wofür, weiß ich nicht genau. Dann kommt ein weißer Mann ins Zimmer, er soll das Ganze übersetzen. Ich erinnere mich nicht an seinen Namen, aber er war sehr sanft, ruhig und fast schon übervorsichtig. Während des Interviews habe ich ein oder zweimal das Gefühl, ihm anzumerken, das es ihn sehr mitnimmt. Ich hingegen sitze einfach nur stumpf da und beantworte die Fragen.
Ich erzähle also die ganze Geschichte von Vorne, während der Übersetzer immer wieder einzelne Abschnitte auf Chinesisch weitergibt. Am Ende wird mir ein Blatt Papier vorgehalten mit den Gesichtern sechs verschiedener Männer. Ich soll den Täter identifizieren. Ich habe mir sein Gesicht gemerkt, also ist es leicht.
Um die 20 Unterschriften und 50 Fingerabdrücke später, ist es um 10:30 Uhr endlich vorbei. Sechs Stunden. Ich frage den Übersetzer, wie hoch die Chancen auf eine Verurteilung und eine Strafe sind. Er versichert mir, dass sexuelle Straftaten in Taiwan sehr ernst genommen und sogar mit höherer Priorität behandelt werden. Auch, als ich mit der Deutschen Botschaft in Taipeh rede, bekomme ich ein gutes Gefühl über die Chancen einer Strafe. Mindestens aber gilt er nun als vorbestraft. Alleine das ist schon ein Gewinn für mich.
Ich kann froh sein, dass ich damals in Australien sowie heute in Taiwan auf so hilfsbereite Polizeibehörden getroffen habe, die das Thema sehr ernst nehmen. Mir ist bewusst, dass Betroffenen nicht überall so verlässlich geholfen wird. Sogar in Deutschland kann es schwer sein, sich als betroffene Person vor der Polizei oder dem Gericht zu beweisen.
In Deutschland werden immer mehr Vorfälle sexueller Gewalt gegen Frauen gelistet. 2022 wurden 11.339 Fälle zur Anzeige gebracht. Das ergab ein Bericht aus der polizeilichen Kriminalstatistik. Die Dunkelziffer dieser Straftaten wird als deutlich höher eingeschätzt. Dass Betroffene den Täter oft nicht anzeigen, kann verschiedene Gründe haben. Laut des Bundesverbands Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff), geschehen viele Vergewaltigungen, sexuelle Nötigungen und Übergriffe im eigenen Bekanntenkreis. Eine Anzeige kann also auch zerrüttende Auswirkungen auf das soziale Umfeld haben. Hinzu kommt, dass ein Prozess im schlimmsten Fall mehrere Jahre dauern kann. Dieser ist oft mit Scham behaftet und psychisch belastend. Betroffenen wird oft nicht geglaubt. Häufig wird von einer sogenannten „Täter-Opfer-Umkehr“ Gebrauch gemacht. Da wird gesagt, die Opfer hätten sich mehr wehren müssen, nicht so viel trinken dürfen, sich nicht so knapp anziehen dürfen, hätten spontan ihre Meinung geändert.
Und als wäre all das nicht schon genug, gibt es weiterhin Staaten, in denen Abtreibungen verboten sind – selbst bei Vergewaltigung. Das sind folgende Länder: Malta, El Salvador, Honduras, Nicaragua, Venezuela, dominikanische Republik, Madagascar, Mauretanien, Sierra Leone, Senegal, Ägypten, Irak, Republik Kongo, Bhutan, Laos, Philippinen, sowie einige Staaten in den USA (Louisiana, Mississippi, Texas, Arkansas, Oklahoma, Alabama, Kentucky, Tennessee, South Carolina, West Virginia, Missouri, South Dakota, Florida, Tennessee und Wisconsin).
Quelle: https://www.fr.de/politik/abtreibung-liberaler-als-gedacht-92444897.html#
Indem ich darüber schreibe, hilft es mir, das Ganze zu verarbeiten. Der Vorfall ist nicht vorbei, selbst wenn er in der Vergangenheit liegt. Wenn man es bei der Polizei anzeigen will, erlebt man ihn immer wieder, indem man darüber sprechen muss – so detailliert wie möglich. Und selbst danach ist es nicht getan. Man hat Flashbacks und Angst, sich in bestimmte Situationen zu begeben. Das Erlebte bleibt für immer im Gedächtnis. Was mir jetzt noch bleibt, ist die bewusste Entscheidung, dass mich das nicht unterkriegen lassen wird. Ich hoffe, damit auch zeigen zu können, dass es sich lohnt, Anzeige zu erstatten. Es bedeutet nicht nur rechtliche Konsequenzen für den Täter, sondern es macht auch selbst stark, aktiv nach Hilfe zu suchen. Es auszusprechen. Eine Anzeige macht das Geschehene unfassbar real und das kann Angst machen. Aber damit hilfst du auch anderen. Eine Anzeige beweist: sexuelle Gewalt passiert wirklich.
22. April 2025
Von Hengchun aus mache ich mich morgens um 8:30 Uhr auf dem Weg nach Donggang. Von dort aus will ich die Fähre nach Liuqiu Island nehmen. Den ganzen Weg über denke ich an das, was passiert ist. Währenddessen realisiere ich etwas: Das, was er mir angetan hat, war eine Vergewaltigung. Ich habe es zu Beginn nicht als das anerkennen können. Vielleicht lag es an den Fragen, die die Ärztin im Krankenhaus mir gestellt hatte. Vielleicht wollte ich es selber runterspielen.
Bei der Polizei habe ich gesagt, es wäre keine Vergewaltigung gewesen. Es war ein sexueller Übergriff. Als ich mittags auf Liuqiu Island ankomme, schreibe ich der Polizei in Hengchun eine Mail. Ich korrigiere offiziell meine Aussage und nenne es als das, was es ist.
Fakt ist, jegliche Art von Sex, der ohne Konsens stattfindet, ist eine Vergewaltigung.
Wie geht es weiter?
Eine Sozialarbeiterin der Polizei hat mich kontaktiert. Sie erzählt mir, dass ich für die Anhörungen vor Gericht vor Ort anwesend sein müsse. Ich sage ihr, dass ich das Land in zwei Wochen verlassen werde und daraufhin versichert sie mir, dass ich auch per Videokonferenz teilnehmen kann. Man würde mich dann unter anderem fragen, welche Strafe ich mir für den Täter erhoffe. Darauf weiß ich momentan wirklich keine Antwort. Was es im Endeffekt werden wird, erfahre ich irgendwann – und dann schreibe ich wieder darüber.
You are so correct in that there shouldn’t be shame in talking about what happened. You are strong and resilient and your voice should be heard. I am so proud of you for following your instincts and reporting this. Sending you so much love and a big hug
Es ist immer wieder schrecklich, was Frauen auf aller Welt erleben müssen und wie man bei den Behörden um Hilfe suchen muss, bringt auch oftmals Sorge und Angdt mit sich. Hierbei freue ich mich, dass die Behörden mit all ihren Möglichkeiten geholfen haben und ich bete, dass man den Täter findet und zur Rechenhaft zieht. Außerdem finde ich deine Botschaft unfassbar stark und jedes Mädchen und Frau, die jemals Opfer von SA waren, sollten sich nicht alleine fühlen. I wish you all the best and the biggest hug
Es tut mir so leid, das du das erleben musstest! Danke für deine Stärke dich gegen diesen Übergriff einzusetzen, und es zur Anzeige zu bringen, dies erfordert Überwindung, auch noch in einem fremden Land.
Ich bin froh, das dieser Mensch gefunden werden konnte, durch dich, und das er vorbestraft wird. Und hoffe er bekommt eine ordentliche Strafe, und das er versteht das sein Verhalten von der Gesellschaft nicht akzeptiert wird, und anderen Menschen schadet. Und hoffentlich schämt er sich richtig!