3 Wochen Sun Moon Lake
3 Wochen Sun Moon Lake

3 Wochen Sun Moon Lake

6.-31. März

Manchmal sind Hostels ein Ort, an dem man für ein paar Nächte schläft, bevor man erneut die Sachen packt und sich auf den Weg zum nächsten Hostel macht. Manchmal sind Hostels aber mehr als das. Manchmal sind sie ein Ort, and dem sich die Wege Fremder für einen Augenblick kreuzen, wo innerhalb Minuten aus Smalltalk Freundschaften entstehen.
Manchmal sind sie für einige Wochen ein Zuhause. So war es für mich am Sun Moon Lake in Taiwan.

Der See

Der Name Sun Moon Lake kommt von der Form des Sees – er soll einer Mondsichel und einer strahlenden Sonne ähneln.

Wer nach Taiwan reist, wird am Sun Moon Lake nicht vorbeikommen. Der größte See Taiwans ist mit sechs Millionen Besuchern pro Jahr eine der beliebtesten Reiseziele des Landes. Auf einer Höhe von 748 Metern über dem Meerespiegel, ist er die Heimat des indigenen Volkes der Thao. Einer Legende nach fand das Volk den See, als sie in den Bergen Rehe gejagt haben.
Ähnlich wie die Taroko-Schlucht an der Ostküste Taiwans, wurde auch der Sun Moon Lake während der japanischen Kolonialzeit von 1895-1945 für den Tourismus erschlossen.
Im Jahr 1934 wurde am See ein Wasserkraftwerk am See gebaut. Bis 1960 deckte er noch den gesamten Strombedarf Taiwans. Heute beliefert er jährlich 740.000 Haushalte mit Energie.

Meine Zeit

Als Freiwillige für drei Wochen im Dreamy Nomads Hostel am Sun Moon Lake zu arbeiten, ist im Grunde genommen, wie in einer Wohngemeinschaft zu leben. Es gibt einen Putzplan, der eingehalten werden muss, Mitbewohner*innen, die kommen und gehen. Man sitzt bis spät abends zusammen im Gemeinschaftsraum (in diesem Fall eher Dach), unterhält sich oder spielt Karten. Man kocht gemeinsam und schlürft früh morgens am Küchentisch schweigend am Filterkaffee. Hier habe ich also die letzten drei Wochen praktisch in einer WG gewohnt.
Ich erinnere mich an zwei Momente, wo ich von Menschen gefragt wurde: „Drei Wochen Sun Moon Lake? Wird das nicht langweilig? So viel gibt es da nun auch nicht zu tun.“ Ja, ich habe in der Zeit wirklich das Meiste gesehen, manches sogar zweimal. Aber es geht doch um mehr als das Besichtigen der Pagoda, das Streetfood in dem indigenen Dorf Ita Thao oder die 30 km Radtour um den See. Es geht eben um diese WG – die Gemeinschaft und das Zuhause, welche ich für einige Wochen aufbauen konnte.
Ich denke dabei daran, welche Momente der Freude ich empfunden habe. Zum Beispiel an die ruhigen Morgenstunden auf dem Dach, wo ich auf die grüne Wand aus Bäumen und auf die hohen Berge schaute.

Oder daran, wie an kalten und regnerischen Tagen der Nebel über dem See aufzog. Wie die tiefen Wolken sich zwischen den Bergen hin und herbewegen und mir nur ab und zu einen Blick auf die entfernte Pagoda gewährten.

Ich denke auch daran, wie ich auf dem Parkplatz vor dem Hostel gelernt habe, Roller zu fahren. Und wie ich am darauffolgenden Tag damit einen Ausflug in der Umgebung machte und gar nicht mehr aufhören wollte, umherzufahren – also fuhr ich ich weiter, auf einen kleinen Berg hinauf. Oben schaute ich auf der einen Seite auf die Dörfer hinab, die unter den auf den Gipfeln verschneiten Bergen liegen. Auf der anderen Seite blickte die sinkende Sonne zwischen Dutzenden schmalen, riesigen Palmen hervor. Niemand sonst war da – abgesehen einiger besitzloser Hunde. Im Halbdunkeln durch die Serpentinenstraßen zu lenken und oben auf dem Berg die Schotterwege auf- und abzufahren, während in der Ferne die Hunde bellten – das hatte für mich schon einen besonderen Reiz. Ich hatte ja gerade erst gelernt, Roller zu fahren. Am Ende machte es meinen Ausflug nur noch schöner. Als ich später am Abend meinem Bruder Jan davon erzählte, sagte er etwas, das mir im Gedächtnis blieb: „Wenn es nicht aufregend gewesen wäre, wäre es nur halb so schön“.

Ich denke auch daran, wie wir an einem Abend zusammensaßen und Armbänder geknüpft haben. Ich bin ganz schön ins Schwitzen gekommen, als ich fünf Menschen gleichzeitig fünf verschiedene Muster beibringen musste.

von links nach rechts: Besitzer des Hostels – oder zumindest seine Augen – Nanou, Amber, Volunteer Clémence, me, Daisy, Besitzerin des Hostels und Nanous Ehefrau Lena.
Wer darauf fehlt: Volunteer Audrey

Natürlich muss ich dabei auch an meine Radtour um den See denken. Nach 30 Kilometern strampeln war das Gefühl der Errungenschaft definitiv größer, als das der Erschöpfung.

Die 46 Meter hohe Pagode

Wenn ich mich frage, was mir die Zeit am Sun Moon Lake gebracht habe, dann fällt mir neben den leckeren gemeinsamen Abendessen, den witzigen Momente und der tollen Gesellschaft der anderen Freiwilligen, vor allem Eines ein: dass mir die Zeit hier endlich Vorfreude gegeben hat.
Eigentlich schon immer, aber besonders in den Monaten vor meiner Abreise, hatte ich nur ganz wenige Momente der Vorfreude. Und so sehr ich es auch genossen habe, im Hostel die Reisegeschichten anderer Menschen zu hören, so sehr kribbelte es mir dann in den Fingern. Aber das Warten war auch gut. Währenddessen habe ich den Mut gefunden, mir für die kommenden Wochen einen Roller zu mieten, mit dem ich die Insel umfahren werden. Das habe ich mir vor einem Monat noch nicht zugetraut.
Obwohl meine Zeit am See so Vieles und so voller Erinnerungen war, muss ich jetzt am Ende sagen: Ich kann das, was noch kommt, kaum erwarten.

2 Kommentare

  1. hayden

    beautiful people find beautiful people!! what an adorable community you found at sun lake :,) thank goodness the possessed dogs didn’t follow you back…. enjoy the scooter journey- i can’t wait to read more about it ◡̈

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